Donnerstag, 6. September 2018

Ein Diplom von Tjumen


Pantomime - die Kunst der Geste

Der berühmte Pantomime Marcel Marceau hat einmal gesagt:

Clown Gerrit - Skierniewice (1975)
Die "Kunst der Geste" erlaubt nichts Zweideutiges! Der Mime muß präzis und klar sein. Das Wort zwar kann Zweifel erwecken und doppelsinnig scheinen. Der Mime kann nicht betrügen und lügen, jede Geste muß motiviert sein. So soll der Mime Gefühle durch Körperhaltungen darstellen, und nicht Worte durch Gesten. Der griechische Schriftsteller Lukian sagte: " Der Mime, der sich in seiner Geste irrt, macht einen Sprechfehler mit der Hand." 

Quelle:
Jhering/Marceau "Die Weltkunst der Pantomime", Aufbau Verlag Berlin, 1956, S.27
    

Das Ernste und das Unernste



Nun ist es ja nicht so, daß Clowns fernab von allem Streit, weit weg von all den Sorgen und Nöten dieser Welt, auf einer "Insel der Seligen" leben. Schön wär's, nicht wahr? Wenn der Vorhang gefallen ist und der Applaus geendet hat, ist der Clown auch nur ein Mensch. Nichts besonderes, wird man denken. Und immer lustig sein, wer kann das schon. Ja... ein paar wenige Clowns gibt es schon noch. Und sie brauchen das Publikum wie die Luft zu Atmen. Da schrieb mir doch neulich eine Clownerin (oder wie sagt man da eigentlich? ... Clownine?*) aus Österreich den folgenden schönen Text:


Liebes Publikum,

daß ernste Dinge ernst zu nehmen wären und unernste nicht, ist ein tiefsitzendes, naives Mißverständnis der Menschheit, und die Arbeit von Clowns wird meist automatisch den unernsten Dingen zugerechnet und also nicht ernst genommen.

Das ist weiter nicht schlimm, damit kann man leben.

In Wahrheit befaßt sich die Clownerie aber AUCH und GERADE mit den ERNSTEN Seiten des menschlichen Lebens, wenngleich aus UNERNSTER PERSPEKTIVE und mit UNERNSTEN MITTELN. Sie beleuchtet den Menschen als lächerliches Wesen; und zwar nicht nur ANDERE Menschen, sondern JEDEN und JEDE. Vor allem: jedes ICH. Die Faustregel, der man dabei im Großen und Ganzen vertrauen darf, lautet: je ernster sich jemand nimmt, desto lächerlicher ist er oder sie.

Und zweifellos begünstigt der Geist unserer Epoche trotz aller Rede von der Spaßgesellschaft - die Ernsthaftigkeit. Ihr Druck lastet SCHWER auf uns und unseren Zeitgenossen. Heutzutage MUSS und WILL man sich ernst NEHMEN und ernst genommen WERDEN. Insofern kann man nicht darüber klagen, daß es zu wenig Lächerlichkeit in der Welt gäbe. Aber in dieser Entwicklung steckt andererseits eine FATALE Bedrohung. Doktrinäre, Ideologen und Fundamentalisten sind Avantgardisten und Meister des Sich-ernst-nehmens. Sie LACHEN NICHT über sich. Sie kennen – wenn überhaupt – nur das Lachen über Andere. Das aggressive Lachen. Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, bedeutet nämlich auch: sich relativieren zu können. Sie bedeutet: MENSCHLICH zu sein. Der Verlust dieses reflexiven Lachens ist ein Verlust an Menschlichkeit.

Text: www.theater-ole.at

(Danke Tanja!) 


Ja - die Menschlichkeit...

Was soll man dazu sagen? Ich denke auch, daß die Menschlichkeit das wichtigste ist es ist sozusagen das Einfache, das schwer zu machen ist, um einen Ausspruch von Brecht ein bißchen abzuwandeln. Clown werden das alleine aber nicht schaffen. Denn das Lachen wächst eben (wie das Denken auch) nur auf dem fruchtbaren Boden des menschlichen Sein. Ist der Boden aber unfruchtbar, weil er ausgetrocknet ist oder zerstört wurde, dann gibt es eben auch keine Menschlichkeit mehr.

Und was ist denn nun das "menschliche Sein" anderes als ein auskömmliches, gerechtes und glückliches Leben. Das funktioniert aber nur, wenn nicht ein paar wenige sich auf Kosten aller anderen bereichern - so wie das heute leider ist. Denn da gibt es wenig zu lachen...
   

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*nebenbei bemerkt: Der Genderismus ist auch so ein Schwachsinn. oder sagen Sie vielleicht auch schon (und schreiben sogar): "Äff*innenliebe", "Säufer*innenwahn" oder "Bär*innendienst"? Im Russischen ist es einfach. Da sagt eine Frau: "Я врач" (Ich bin Arzt). Oder: "Я инженер" (Ich bin Ingenieur). Und jeder wird wissen, daß die Frau kein Mann ist.

Samstag, 25. Februar 2017

Woher kommt das Lachen?

"Wahre geistvolle Geselligkeit ist ohne Humor gar nicht denkbar" [1], sagte Jean Paul. Aber ist denn Clownerie eigentlich nicht viel mehr als nur Geselligkeit, als Spaß und geistreiche Unterhaltung? Sollte ein Clown nicht auch anregen zum Mitdenken, zum Nachdenken? "Die Komödie", schrieb der revolutionär-demokratische russische Philosoph und Kunsttheoretiker Wissarion Belinski (1811-1848), "erfordert einen tiefen und scharfen Blick bis auf den Grund der gesellschaftlichen Moral. Dabei ist es notwendig, daß der humoristische Beobachter durch seine Einsicht über den Dingen steht." [2] Was kann man von einem Clown besseres verlangen, als daß er über den Dingen steht! Sein Anspruch sollte also höher sein... 

Nun gibt es allerdings verschiedene Arten des Lachens. Harmlose und billige Witzchen, die man heute überall findet, hat Belinski damit ganz sicher nicht gemeint. Und auch wenn gesellschaftliche Widersprüche einem zunächst erst einmal die Tragik der Situation bewußt machen - Komisches befreit und Komisches ermutigt! Darin besteht die große Kunst und auch die Chance der Clownerie: sie verschafft Erkenntnisse und sie macht Mut. Jurij Borew schreibt:

Komik der Situationen

Dort, wo ein gesellschaftlicher Widerspruch vorhanden ist, gibt es immer zwei miteinander im Kampf liegende Seiten. Eine der Seiten des Widerspruchs ist immer konservativ, schlecht und niedrig. Sie ist auch diejenige, die die objektive Grundlage für die Kritik und insbesondere auch für die Anwendung der Waffe des Lachens, für die besondere emotionale Kritik in sich enthält. 

Das Komische in der Wirklichkeit wird durch die gesellschaftlichen Widersprüche hervorgebracht. Das Komische in der Kunst ist das Resultat ihrer Erfassung der Darstellung: Ein gesellschaftlicher Widerspruch, wenn er nur irgendwie wesentlich ist, muß notwendigerweise wenigstens unentwickelte Elemente des Komischen enthalten. ...

Die Komik der Darstellung

Wirklich kann eine Handlung nur dann zutiefst komisch sein, wenn sie „mit vollem Ernst“ ausgeführt wird, wenn der Mensch seine eigene Komik nicht bemerkt. Das ist für die Schauspielkunst besonders wichtig.  Je ernster der Schauspieler sich zu den komischen Schicksalen seines Helden verhält, je tiefer er sich in ihn hinein versetzt und sich die gesamte Logik im Verhalten der Figur zu eigen macht, desto tiefer ist die Behandlung des komischen Wesens der Rolle.

Quelle: Jurij Borew, Über das Komische. Aufbau Verlag Berlin (DDR) 1960, S.103/ 125.

[1] Jean Paul, Ausgewählte Werke, Bd.3, Otto Hendel Verlag, Berlin o.J., S.202. 
[2] Wissarion Belinski, Sämtliche Werke, Moskau 1955, Bd.VIII, S.68 (russ.). 

Sonntag, 5. Februar 2017

Warum wir lernen müssen...


Nichts ist für einen erwachsenen Menschen schlimmer, als ständig gegängelt zu werden. Wenn immer jemand Fremdes bestimmt, was wir zu tun und zu lassen haben, wenn Vorschriften und Anweisungen das Leben bestimmen. Um sich aus dieser Unmündigkeit zu befreien, brauchen wir Wissen. Denn nur wer seine Lage erkannt hat, kann sie auch verändern. Allerdings wußte schon der Philosoph Immanuel KANT (1724-1804), daß dem zwei wesentliche Hindernisse im Wege stehen, nämlich die Feigheit und die Faulheit. Beides ist überwindbar. AUFKLÄRUNG. Das ist der einzige Weg, sich aus Bevormundung zu befreien.

 
Und was soll man denn nun lernen? Fakten, gesetzmäßige Zusammenhänge, Hintergründe. Wichtig ist eine exakte Terminologie, wichtig sind klare Begriffe. Nur durch dieses Vordringen zu Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten, zum Wesen eines Dinges, eines Vorgangs oder einer Erscheinung werden Kenntnisse zu Erkenntnissen. Sie sind die Bausteine einer wissenschaftlichen Weltanschauung. Und das gilt für die Naturwissenschaften ebenso wie für die menschliche Gesellschaft. Alexander HERZEN (1812-1879) hat einmal gesagt: 

„...einzig  und allein die Unwissenheit ist der Grund des Pauperismus und der Sklaverei.
(A Herzen Mein Leben. Memoiren und Reflexionen“. Berlin, 1962, Bd.3, S.507)

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Ein Kaffeestündchen beim Präsidenten


Neulich waren wir zu Gast beim Präsidenten des Landesverwaltungsamtes, Frank Roßner, in Weimar. Wir das sind Christian Spreda und Clown Gerrit. Christian ist der Inhaber des neueröffneten "Café Cat" in der Karl-Liebknecht-Str. 20 in Weimar. Dort gibt es noch echten handgemachten Kaffee, gemahlen und gefiltert ganz wie zu Hause! Bei einem Plauderstündchen verriet uns Christian ein paar Geheimnisse aus der Kaffeeküche und Frank Roßner steuerte einige verwaltungsamtliche Anekdoten bei, die wir hier nicht weitererzählen werden. Zum Schluß spielte Clown Gerrit noch ein etwas schräges Musikstück auf seiner Konzertina, und so fand der schöne Nachmittag einen ebenso heiteren wie würdigen Ausklang. Schließlich hat ja so ein Präsident auch nicht immer Zeit für ein Plauderstündchen bei einer Tasse Kaffee... 

* * *
Und wenn Sie, lieber Leser, gerade einmal in Weimar sind, bei Goethe und Schiller waren, und nun Lust auf ein gediegenes Täßchen Kaffee haben, dann kommen Sie doch einfach mal vorbei im "Café Cat" in der Karl-Liebknecht-Straße 20.


Dienstag, 27. Dezember 2016

Polunin: Ein Refugium der glücklichen Menschen

Angekommen. Slawa Polunin ist ein Clown. Es gab und es gibt viele gute Clowns, sehr gute Clowns. Doch ich kenne nicht einen einzigen Clown, der so präzise, so nuancenreich und tiefsinnig das menschliche Wesen, menschliche Eigenheiten erfaßt und dargestellt hat, wie Slawa Polunin. Geboren in Leningrad am 12. Juni 1950, absolvierte er das Leningrader Staatliche Kulturinstitut "Nadeshda Krupskaja" und danach die Estradenabteilung des Staatlichen Theaterinstituts (GITIS) in Moskau. Eine bessere Ausbildung gab und gibt es nirgends auf der Welt. Ich lernte Slawa 1979 in Leningrad kennen.

In den 1980er Jahren war Slawa Polunin einer der Gründer des berühmten sowjetischen Pantomimentheaters "Lizedej", eines Künstlerkollektivs, das schon damals mit spektakulären Aufführungen auf sich aufmmerksam gemacht hatte. Unter anderem in Berlin, der Hauptstadt der DDR, zu den Pantomimetagen. Im März 1985 trafen wir uns wieder. Ich sah dort im Palast der Jugend (Дворец молодёжи) die Aufführung "Das Leben der Insekten" (Жизнь назекомых), eine großartige, begeisternde Theater-Aufführung mit einer ausgezeichneten Besetzung. Polunin war talentiert, keine Frage, aber er hatte auch ebenso talentierte und fleißige Mitstreiter. Alljährlich zum Neujahrstag konnte man Polunin im Ersten Programm des sowjetischen Staatsfernsehens erleben. Jedem in der großen Sowjetunion war Slawa Polunin ein Begriff. 

Während nun Polunin zielstrebig am Programm seiner Truppe und an verschiedenen Darbietungen arbeitete, unternahm ich einige wunderbare Reisen quer durch die Sowjetunion und war als Clown zu Tourneen mit anderen Künstlerkollegen (u.a. Takayo, Karussell, Kerstin Rodger) in der DDR, in Bulgarien, Polen und der Mongolei unterwegs... dann änderten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Welt rapide.

1989 ging Polunin erstmals mit seiner Truppe auf Europa-Tournee. Die "Karawane des Friedens" zog von Moskau nach Berlin, und sie fand überall begeisterten Zuspruch. Viele bekannte Künstler schlossen sich ihr an.

Das größte Ereignis seiner langjährigen erfolgreichen Laufbahn als Clown und Pantomime ist wohl "Slawa's Snow Show". Damit wurden Slawa und sein Künstlerkollektiv weltberühmt. So erfüllte sich nun auch sein Kindheitstraum - die Zauberwelt eines Clowns, ein Refugium der glücklichen Menschen..

Polunin: "Das ist ein großartiger Beruf, fröhlich und glücklich zu sein. Und die Menschen haben das noch nicht schätzen gelernt." Aber man kann es auch anders sehen - diese Meinung teile ich jedoch nicht. Der amerikanische Clown David Shiner sagt dazu: "Die fundamentale Grundlage der Clownsfaxen ist das menschliche Leid. Es ist die Transformation der menschlichen Schmerzen in Gelächter." 

Полунин: "Это великая профессия — быть радостным и счастливым. И люди ещё не оценили это" - Шайнер: "Фундаментальная основа клоунского кривляния — человеческое страдание. Это трансформирование человеческой боли в смех" * — большая часть фильма на английском, но не владеющим можно просто смотреть "атмосферу". И в дополнение ссылка на чудесную "Международную академию дураков"

Auch: Slawa Polunin und Slawa Polunin zum 60.Geburtstag

 
Im folgenden sehen Sie diesen schönen Film (Sprache: engl.):

Donnerstag, 3. November 2016

Oleg Popow - der sonnige Clown..

 (1930 - 2016)                  

Er war ein talentierter Clown, ein durchaus liebenswerter Clown...

Sein Debüt

Oleg Popow begann seine Kindheit als Clown mit Weltruhm. Er hatte seinen »glücklichen Zufall«, den er nicht versäumte. Absolviert hatte er die Staatliche Schule für Zirkuskunst als Schlappseiläquilibrist, Seine leicht exzentrische Nummer verschaffte ihm die Sympathien der Zuschauer. Früher oder später wäre es sowieso passiert, jedoch er kam rascher und unerwarteter, als er vermuten konnte, als Clown in die Arena. Der Pausenclown war erkrankt, und Oleg Popow wurde gebeten, ihn einige Tage zu vertreten. Er sagte zu, und obwohl sein Debüt noch mangelhaft und unvorbereitet war, zeigte sich am selben Abend, daß das Publikum gerade eine solche komische Gestalt akzeptierte, daß er Clown sein konnte. 

Weltruhm

Die sowjetischen Zuschauer hatten Oleg Popow kaum richtig kennengelernt, und als Clown hatte er nicht einmal richtig ihre Liebe erringen und sich einen Namen machen können, da faßte die Zirkusverwaltung bereits den Beschluß, ihn zum ersten Auslandsgastspiel des sowjetischen Zirkus 1956 mitzunehmen. Daß er noch keine Erfahrungen mit politischen, satirischen und aktuellen Reprisen hinter sich hatte, half ihm nur. Oleg Popow trat in Belgien, Frankreich und England auf und hatte Erfolg. Man nannte ihn den »sonnigen Clown«. Danach lernten ihn die Moskauer bereits als Clown kennen, den man in den besten europäischen Zirkussen akzeptiert hatte. Er wurde augenblicklich berühmt. Oleg Popow lächelte vom Bildschirm und von der Leinwand, von den Umschlägen illustrierter Zeitungen, von Plakaten, Ansichtskarten und Ladentischen in Spielzeuggeschäften. Es schien, als sei der Ruhm zu ihm genauso leicht gekommen, wie er selber so leicht auf dem Schlappseil spazierenging und mit dem Spazierstöckchen herumfuchtelte. In einem Film zeigte man ihn auch so: Beim Spaziergang auf dem Seil mit London, Paris, Brüssel und New York als Hintergrund. 

Eine gemeinsame Sprache

Eigentlich waren es nicht irgendwelche umwerfenden Gags oder seine Reprisen, die die Zuschauer verblüfften. Eindruck machte Popows Erscheinung. Er widerlegte die bislang herrschende Meinung, Russen seien ungesellig und gehemmt. Die Natürlichkeit seines Verhaltens und seine Freundlichkeit lösten auch bei den Zuschauern Herzlichkeit aus. Er war bereit, mit jedem Publikum eine gemeinsame Sprache zu finden. Er lächelte offen und aufrichtig, und dieses Lächeln gefiel sofort.

Die Kunst des Clowns

Natürlich war in den Ereignissen der Kunst nicht alles so elementar, geradlinig und ohne Ausnahmen, wie man das in zwei, drei Sätzen sagen kann. Der Wechsel der Ästhetikformen ist ein komplizierter Prozeß, der es an sich schon wert wäre, eingehend untersucht zu werden. Aber für uns ist es wichtig zu verstehen, daß Karandaschs langer Erfolg nicht nur mit den großen Möglichkeiten seiner Figur zusammenhing, sondern auch mit objektiven Ursachen und Zeitereignissen, die nicht von ihm abhängig waren. Bei Oleg Popow war es umgekehrt.

Zeitgeist

Aus Gründen, die nicht von ihm abhingen, änderte sich die Zeit derart zügig und schnell, daß seine Figur nur sechs, sieben Jahre in die Zeit paßte. Um weiter den ersten Platz zu behaupten, hätte sie einen neuen Inhalt bekommen müssen, hätten ihr neue Züge hinzugefügt werden müssen. Das aber wußte Oleg Popow nicht. Der Charme seines sonnigen Lächelns löste sich allmählich auf in Estradensujets und Feuilletonreprisen, die der Figur nicht die erforderliche Nahrung boten, um nach wie vor Ausdruck von Popows Geist, Charakter und Wesen sein zu können. Aber kann man das Qleg Popow eigentlich zum Vorwurf machen? Bei Künstlern ist das lächerlich.

Der Beifall des Publikums

Die Zuschauer sind ungeduldig. Besonders die im Zirkus. Ihnen geht es um das Endergebnis und nicht darum, wie es dazu kommt. In schöpferischer Arbeit aber steckt ja auch noch zugespitzte Eigenliebe. Es gibt wohl kaum einen Clown, noch dazu einen so begabten wie Popow, der nicht bis zum letzten Tag in der Manege immer wieder Beifall hören möchte. Er glaubt an seine Erscheinung, an sein »Ich«. Mehr als jeder andere. Aber irgend etwas kann er einfach nicht verstehen oder ausführen. Sei es auch, weil er nicht die Veranlagungen dazu hat ... Wie kann man überhaupt einem Clown, der sich so selbstlos in der Arena »produziert«, um uns Freude zu bereiten, Vorwürfe machen?

Was bleibt?

Tragikomische Züge fehlten Oleg Popow, und gerade sie hätten seiner Figur geholfen, erwachsen zu werden und zu reifen.... Oleg Popow aber war vor gar nicht allzu langer Zeit erst wieder von einer weiteren Buropatournee zurückgekehrt, hatte dort einen herzlichen Empfang erfahren und den Erasmus-von-Rotterdam-Ehrenpreis bekommen (den Chaplin als erster erhalten hatte). Die Jahre des Suchens waren für den Meister nicht umsonst vergangen, und wahrscheinlich hatte er inzwischen begriffen, was er sich früher nicht einmal eingestehen wollte. Jetzt lagen in seinem Lächeln Weisheit und Verständnis. Wir aber – können wir etwa den jungen blauäugigen Clown vergessen, wie er über das Seil spaziert, mit seinem Spazierstöckchen hin und her fuchtelt, mit Töpfen, Kartoffeln und Gabeln jongliert? Es waren Eindrücke, die wir wie Jugenderinnerungen für immer behalten. 

Quelle: Natalja Rumjanzewa: Clown und Zeit. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin, 1989, S.50-69 (Auszüge) 

NB. Schon 1956 verließ Popow sein Heimatland, daß er dort starb will nichts besagen. Doch was war dafür der Grund? In einem Interview äußerte er einmal, er wolle von seinem Beruf auch „anständig leben können. Konnte er das damals nicht? Nunja, ihm ging es nicht besser und nicht schlechter als Millionen anderer seiner Landsleute auch, in diesem vom Krieg der Nazis verwüsteten Land. Sie mußten nicht hungern. Doch das Land mußte erst wieder aufgebaut werden. Und es wurde aufgebaut. Und Popow? Er hat den bequemeren Weg gewählt.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Gedanken beim Betrachten eines Fotos

Was ist eigentlich ein Clown?
Nachbetrachtungen zu einem Zeitungsfoto

Als ich kürzlich die Zeitung aufschlug, war ich nicht schlecht erschrocken: DAS sollen Clowns sein? Da lautete schon die Überschrift reichlich bedrohlich „Clown mit Kettensäge“ [1]. Nun weiß ich natürlich nicht, ob ein Clown jemals ein solches martialisches Instrument in seinem Requisitenkoffer mit sich herumschleppte, doch eines war mir klar: der Clown ist alles andere als ein Ganove. Von alters her war der Clown schon immer ein Spaßmacher, ein Publikumsliebling, ein Freund der Kinder und Erwachsenen – und nicht selten der unbestrittene Höhepunkt einer Zirkus-Vorstellung.

Oder eben anders gesagt: ein „Sympathieträger“, wie es ein Künstleragent mir gegenüber einmal äußerte. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Denn „Spaß“ auf Kosten der Zuschauer ist keine Clownerie. Niemals gab es in der Geschichte der Clownerie solche perversen „Entgleisungen“ wie die, welche seit einiger Zeit aus den USA zu uns herüberschwappen. Da gibt es eine ganze Verbrecherkartei von „Unbekannten“, die des Nachts an dunklen Ecken bunt kostümiert und mit böse grinsenden Masken unbescholtene Bürger überfallen und Kinder erschrecken...

Und ich kenne die Geschichte der Clownerie ziemlich genau. Viele berühmte Clowns haben sich im Laufe der Jahrhunderte in das „Goldene Buch“ der Clownerie eingeschrieben, haben die Menschen zum Lachen und zum Nachdenken gebracht, haben parodiert, imitiert und veralbert, haben ihren Schabernack getrieben oder einfach nur witzige Situationen vorgeführt. Sie haben ihr Publikum geachtet – und sie wurden geliebt und bewundert.

Berühmte und beliebte Clowns...

Da gab es (und gibt es!) Clowns im Zirkus und auf der Bühne, Clowns im Krankenhaus und im Seniorenheim, Clowns im Theater und im Varieté, Clowns im Kindergarten, Clowns auf Geburtstagsfeiern und bei großen Gala-Veranstaltungen. Viele berühmte Namen könnte man da nennen: Grimaldi, Grock und Charlie Chaplin, Gardi Hutter und Clown Dimitri, Karandasch und Slawa Polunin, Galetti, Juri Nikulin und Oleg Popow, Charlie Rivel, Clown Nuk, Ankeblümli und Clown Clemil, Rainer König, Eddi und Locci und nicht zuletzt Clown Ferdinand. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. So reich ist die Vergangenheit an Schönem, Lustigem und Bewegendem. Berühmt waren vor allem die sowjetischen Clowns. Weniger schön, doch wohl aber lustig waren auch solche „traurigen Clowns“ wie der etwas heruntergekommen aussehende amerikanische Trampclown Otto Griebling, der in den USA große Erfolge feierte. Einen „Horrorclown“, wie diese in der Zeitung, gab es unter denen jedoch nie.

Der Schriftsfteller Heinrich Böll hat versucht, in seinem Buch „Ansichten eines Clowns“ gewissermaßen das „Innere“ eines Clowns zu beleuchten. Er stellt einen traurigen Clown dar, was schon ein wenig widersprüchlich ist, denn auch der Clown ist ja nicht eine „gespaltene Persönlichkeit“, sondern ein lebendiger Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, seinen Freuden und Leiden, seiner Zärtlichkeit und seinem Spott, und er will vor allem die Menschen zum Lachen bringen – und nicht zum Weinen. So daß man eigentlich nicht davon reden kann, wie Böll es tut: „Ich langweile mich über mich selbst.“ [2] Das ist kein Clown, sondern eine tragische Figur!

Worin liegt nun das Geheimnis des Clowns?

In ihrem Buch „Clown und Zeit“ schreibt Natalia Rumjanzewa: „Clowns sind doch überdurchschnittliche Schauspieler und waren immer beliebt.“ Und weiter: „Natürlich ist die Kunst des Clowns sehr kompliziert, und seine Gestalt läßt sich nicht in den Rahmen einer Zirkusvorstellung pressen, denn sie besteht in unserem Bewußtsein unabhängig von den Vorgängen während dieser Vorstellung. Wir können sogar konkrete Gags dieses Clowns vergessen, aber wir erinnern uns, wie er gegangen ist, wie er sich umgedreht hat, wie er gelächelt hat, was für einen Gesichtsausdruck er hatte, und wir finden darin etwas sehr Komisches und uns Vertrautes. Für uns symbolisiert der Clown das Lachen.“ [3]

So sind gute Clowns also immer eine Bereicherung. Sie sind der Grund für Spaß und Heiterkeit, und sie geben allemal auch Grund zum Nachdenken. Was kann man Besseres darüber sagen als Paul Cézanne:

Meinen Harlekin habe ich gemalt,
weil ich die Zeit, in der ich lebe,
verstehen wollte.“
CLOWN GERRIT


[1] Siehe Ostthüringer Zeitung vom 22. Oktober 2016, Seite 8.
[2] Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1967, Seite 101. 
[3] Natalia Rumjanzewa: Clown und Zeit. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1989, Seiten 7 und 9. 


Lies dazu auch: wipokuli
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Und das bin ich:


 Clown Gerrit - der unbestrittene Publikumsliebling bei einer Veranstaltung in Meppel (Holland)

(P.S. Dieser Artikel von mir wurde am 08.11.2016 in der Ostthüringer Zeitung abgedruckt. Ein Honorar erhielt ich dafür jedoch nicht. Nicht einmal ein Wort des Dankes...)