Mittwoch, 25. Februar 2009

Jean S o u b e y r a n - Die Maske

Die Maske schafft eine Distanz zwischen dem Mimen und dem Publikum. Dadurch, daß der Mime sein menschliches Gesicht verliert, entfernt und vergrößert er sich für das Publikum. Er wird eine Wesenheit, eine Statue in Bewegung. Beim Menschen mit unbedecktem Gesichtwird der Blick des Betrachters immer von dessen Blick angezogen, der Körper ist dabei von sekundärer Bedeutung. Das verborgene Gesicht dagegen integriert vollständig den Körper, es verschwindet und bringt dadurch den Kopf zur Geltung. Der Kopf erhält jetzt eine viel größere Wichtigkeit, er muß das Gesicht ersetzen.
Vom Mimen aus gesehen, entfernt ihn die Maske vom Zuschauer. Dieser Schleier, der sein Gesicht bedeckt, ist eine Schranke, die ihn schützt. Die letzte Zurückhaltung, die letzte Schüchternheit und Angst werden durch das Tragen der Maske weggenommen - die Maske ist ein befreiendes Element.
Das Bewußtsein, das das Gesicht verborgen ist, zwingt dazu die Aktion auf den Körper zu konzentrieren. Durch die Notwendigkeit eines bestimmten Verhaltens, bei dem das Gesicht nicht existiert, wird der Mime sich selbst fremd, steht über sich selbst. Sein Körper zwingt ihn, diesen als ein Wesen anzusehen, das nicht zu ihm gehört, das er von innen her lenken muß und dem er Leben verleihen muß, sowie ein Marionettenspieler seinen Puppen Leben verleiht.

Jean S o u b e y r a n - Die wortlose Sprache, Zürich 1984, S.92f.

Dienstag, 17. Februar 2009

Meyerhold über Theaterkunst

Ein Schauspieler kann nur dann improvisieren, wenn er innerlich froh ist. Ohne die Atmosphäre schöpferischer Freude, künstlerischen Frohlockens wird ein Schauspieler sein Talent nie in ganzer Fülle offenbaren können. Darum rufe ich den Schauspielern bei den Proben so oft "Gut" zu, obwohl es nicht gut, noch gar nicht gut ist. Aber der Schauspieler hört dieses "Gut!", und siehe da - er macht seine Sache wirklich gut. Man muß mit Lust und Freude arbeiten! Wenn ich bei der Probe böse und gereizt bin (das kommt ja auch einmal vor), so bereue ich das nachher zu Hause und mache mir bittere Vorwürfe, Gereiztheit des Regisseurs nimmt dem Schauspieler die Unbefangenheit. Sie ist genauso unzulässig wie hochmütiges Schweigen. Wer die fragenden Blicke der Schauspieler nicht fühlt, der ist kein Regisseur.

Alexander Gladkow, in: Theateroktober, Leipzig, 1972, S.203f.

Freitag, 6. Februar 2009

Humor und Satire

"Satire verzeiht nicht und darf auch nicht immer verstehen. Der Kabarettist muß sich auch dummstellen können, zum Beispiel, wenn er scheinbar Gesichertes in Frage stellt. Er spielt den dummen August und rückt mit der ernsthaftesten Selbstverständlichkeit das Klavier an den Hocker heran.
Ernst übrigens ist Grundvoraussetzung für Komik. Übertriebene Tragik wirkt leicht komisch. Übertriebene Komik wirkt lächerlich. Der Kabarettist hat lächerlich zu machen, darf aber um den Preis der Glaubwürdigkeit nicht lächerlich sein.
Eine Binsenweisheit für Komiker lautet: Bleibe ernst, wenn du die Leute zum Lachen bringen willst. Spiele die komische Situation nicht komisch oder lustig, sie könnte albern werden und sich so selbst aufheben. Natürlich lachen die Zuschauer auch über Albernheiten. Aber das Lachen im Kabarett sollte ja nicht Selbstzweck sein. Das ist vielleicht der wesentlichste Unterschied zwischen einem Komiker und einem Kabarettisten, einem Satiriker und einem Humoristen - dieser bringt die Leute zum Lachen, damit sie fröhlich sind, jener, damit sie nachdenklich werden..."
(Peter Ensikat, in: Kabarett heute, Berlin 1987, S.101)

Foto: Der Komiker Hape Kerkeling

Donnerstag, 5. Februar 2009

Der Russische Staatszirkus

Ein Gespräch mit Alexander Dmitrijewitsch Kalmykow, dem Verdienten Künstler Russlands, dem Intendanten des Russischen Staatszirkus.

Der heutige russische Zirkus ist - historisch gesehen - eine der größten Zirkusgesellschaften in der Welt. Er besteht aus über 70 Betrieben - dazu gehören u.a. 40 feste Zirkusgebäude, 11 mobile Zirkusunternehmen und 8 Tierschauen. Für ihn - wie auch für das russische Kino - ist der 26. August 1919 ein bemerkenswertes Datum. Da nämlich unterschrieb Lenin das Dekret über die Nationalisierung aller Zirkusse - einschließlich der kleinen Zirkusgruppen. War nun diese totale Nationalisierung gerechtfertigt? Hat der Staat nun eine der "freiesten Künste" unterdrückt?

Alexander Kalmykow ist in dieser Frage absolut eindeutig. Als Schauspieler in der dritten Generation (der Großvater war Schauspieler, der Vater arbeitete viele Jahre im Theater und im Zirkus) ist Kalmykow davon überzeugt: Die Nationalisierung war gut und richtig, weil außer einigen seltenen Zirkussen - wie Giniselli oder Salomon in Moskau, Nikitin an der Wolga (das Satirische Theater war übrigens der ehemalige Zirkus Nikitin) - alle übrigen ein elendiges Dasein fristeten.

Alexander Kalmykow ist zutiefst davon überzeugt, und darüber schrieb er schon mehrmals und äußerte sich im Rundfunk und im Fernsehen, daß jede beliebige Kunst - sei es die Literatur, das Kino, das Theater, die Musik, insbesondere die Klassische, - staatliche Unterstützung benötigt. Wie teuer an der Mailänder Scala die Eintrittskarten auch sein mögen, niemals kann dieses Geld beispielsweise auch nur eine Aufführung Cefirellis decken. Ebenso ist es am Bolschoi-Theater...

Manchmal wird gesagt: Und was ist mit den großen privaten Zirkussen? Doch man kann tatsächlich nirgendwo in der Welt von einem "privaten" Zirkus reden. Der weltbeste Zirkus, der kanadische "Cirque du Soleil" ist ein staatliches Unternehmen, er wurde als Zirkus von Französisch-Kanadas gegründet. Das gleiche gilt auch für den besten deutschen Zirkus - Roncalli: Er lebt auch von staatlicher Unterstützung. Wir haben in Moskau den Zirkus Nikulin - es ist ein staatlicher Zirkus, der mit staatlichen Geldern aufgebaut ist. Er ist kleinen Gruppe von Enthusiasten vorübergehend zurückgegeben worden, damit sie das Gebäude verwenden konnten...

Quelle: http://www.circus.ru/new.php?id=558

Montag, 26. Januar 2009

Eine gewichtige Frage...

Warum haben die Clownerie und das komödiantische Theater in der öffentlichen Wahrnehmung nicht denselben hohen Stellenwert wie das Drama oder die Oper? Zwar sind die Zeiten vorbei, wo man die Clowns und Artisten als zwielichtige Vaganten und Zigeunerpack betrachtete, die man zwar gerne belachte und bewunderte, aber im übrigen am liebsten zum Teufel schickte. Wenn ich heute im Ausland auf Tournee bin, laden mich die Botschafter unseres Landes ein, bei ihnen zu logieren, und selbst in höchsten Kreisen gibt man sich die Ehre, einen Clown oder Komödianten zum Essen einzuladen. Aber es reicht nicht, einen Clown an der Party vorzuzeigen. Was ich anstrebe, ist die Anerkennung, daß komödiantisches Theater und Clownerie ebenso tiefgründig, künstlerisch ebenso anspruchsvoll und in der Auseinandersetzung mit unserem Menschendasein ebenso wichtig sein kann, wie ein gutes Schauspiel oder eine Oper, auch wenn die humoristischen und artistischen Elemente alles leicht und locker erscheinen lassen. Voraussetzung ist natürlich, daß mit Leib und Seele daran gearbeitet wird und daß alle Beteiligten ihr Bestes geben und ständig versuchen, sich zu übertreffen. Aber das ist genauso Voraussetzung für jede künstlerischen Produktion von Qualität und Niveau.
(DIMITRI)


Hanspeter Gschwend, Dimitri - der Clown in mir, Bern, 2005, S. 226.

Theaterarbeit

Es gibt immer wieder Regisseure , die sich erfolglos an Stücken von Bertolt Brecht versuchen, um diese dann bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen - so geschehen in der Inszenierung des "Puntila..." von Wolfgang Apprich am Staatstheater Saarbrücken. Denen sei ins Stammbuch geschrieben, was Brecht für wichtig hielt. Die "Phasen einer Regie" werden (nach Helene Weigel)* folgendermaßen gegliedert:
1.Stückanalyse, 2.Erste Erörterung des Bühnenaufbaus, 3.Besetzung, 4.Leseprobe, 5.Stellprobe, 6.Bauprobe, 7.Detailproben, 8.Durchlaufproben, 9.Erörterung von Kostüm und Maske, 10.Überprüfungsproben, 11.Tempoproben, 12.Haupt- und Generalproben, 13.Durchsprechen, 14.Voraufführung, 15.Öffentliche Erstaufführung.
Offenbar glaubt der "geniale" Regisseur, heute auf alles das verzichten zu können, und er spart sogar noch den Dramaturgen ein. Was kommt dabei heraus? - Mist!
Brecht selber - hat seinerzeit am BE an seinen Stücken noch gearbeitet, nicht bloß herumexperimentiert. Aber das liegt wahrscheinlich auch daran, daß Brecht die inhaltliche Aussage seiner Stücke wichtiger war als der billige Effekt.

*Quelle: Helene Weigel, Theaterarbeit - Hrsg. Berliner Ensemble, Berlin 1967.

Mittwoch, 7. Januar 2009

Der Zeichner Herluf Bidstrup

Am 26.Dezember 2008 war der 20.Todestag des großen dänischen Zeichners und Karikaturisten Herluf Bidstrup. Seine Bilder sagen mehr als alle Erklärungen. Ich hatte mal als Kind ein dickes Bidstrup-Buch - es war witzig, satirisch und (ist immer noch!) ziemlich aktuell...

Einige Links:

Montag, 5. Januar 2009

Clown zu sein heißt...

...Partei zu nehmen für das Gute und kämpfen gegen das Böse. Optimistische Heiterkeit verbreiten und den Pessimsimus verlachen. Belehrend sein, ohne zu belehren. Einfach sein, aber frei von Primitivität. Dem Spaß die Zügel schießen zu lassen, um sich selbst und andere mit diesem Spaß zu erfreuen. Verbunden mit dem Volke, dem Volke Volksweisheiten vermitteln. (Mario Turra)
Und hier nun die andere Seite: "Beruf ist Beruf; Geschäft ist Geschäft. Der Chef-Clown einer Truppe verkauft die 'Nummer', deren Preis er bestrebt ist ständig hinaufzuschrauben, an die Varieté-Direktion wie ein anderer einen Posten Stoff. In einer Varieté-Agentur wird ebenso gehandelt wie an der Börse. Artistisches Können, neue ulkige Tricks, gute eingeführte Namen sind ebenso auskalkuliert und bestimmen den Preis einer Nummer, wie dies bei der Qualität einer Ware der Fall ist." (Heino Seitler)

Foto: Clown Galetti

Samstag, 3. Januar 2009

Правила для постановщика

Композиция танца - один из необходимых компонентов деятельности хореографа-постановщика танцев и поэтому одна из важнейших сторон подготовки студентов, занимающихся на отделении хореографии в вузах культуры и искусств... Для начинающего хореографа-постановщика очень важно упорядоченное знание правил построения композиции танца.
Можно выделить следующие правила:
- развитие композиции от начала до конца;
- рационального соотнесения между собой основных и второстепенных элементов композиции;
- отбора выразительных средств, соответствующих замыслу постановщика и посильных для исполнителей композиции;
- организация сценического пространства;
- выявления целостности, непрерывности сценического действия.
Все эти правила, как и законы композиции, действуют совместно и рассмотрение их по отдельности диктуется логикой приобщения к мастерству постановщика.

В.И.Панфёров, Основы композиция танца, Челябинск, 2003, стр. 33,34


Der beginnende Choreograph/Regisseur muß sehr genau wissen, nach welchen Prinzipien die Komposition eines Tanzes aufgebaut sein muß. Man unterscheidet hierbei die folgenden Regeln:
- die Entwicklung der Komposition vom Anfang bis zum Ende;
- der sinngemäße Zusammenhang zwischen grundlegenden und zweitrangigen Elementen der Komposition;
- die Wahl der Ausdrucksmittel, entsprechend dem Regiekonzept und zur Umsetzung der Komposition;
- die Realisierung des Bühnenraumes;
- das Gesamtkonzept und die durchgehende Bühnenhandlung.
Alle diese Regeln wirken - ebenso wie die Gesetze der Komposition - im Zusammenhang, und ihre Betrachtung wird jeweils von der Logik der Handlung diktiert, die dann zur Meisterschaft des Regisseurs führt.

W.I.Panfjorow, Grundlagen der Komposition des Tanzes, Tscheljabinsk, 2003, S. 33f. (russ.)

Es ist interessant, daß diese Regeln sinngemäß auch für den Aufbau einer Clownsnummer zutreffen. Prof.Panfjorow (Tscheljabinsk) beschreibt sehr detailliert, welche Regeln für das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente in einer Inszenierung gelten. Ohne Kenntnis dieser Theatergesetze bleibt ein Ballett unvollkommen, und es erscheint dilettantisch. So ist es auch in der Clownerie.