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Dienstag, 4. Januar 2011

Giorgio Strehler – Brecht hat mir ein Fenster zur Welt geöffnet!

In einem Interview über seine Theaterarbeit mit Brecht wurde Giorgio Strehler einmal gefragt, was das Interessanteste an Brechts Stück "Tage der Commune" sei. Worauf Strehler antwortete:

"Mich interessiert folgender Aspekt: Das Volk wird duch seine Güte und Freundlichkeit leicht zum Spielball der Mächtigen. Die einfachen Leute sind zu harmlos, um zu verstehen, daß die anderen immer 'mitspielen'. Das ist eine große Lehre für uns in unserer heutigen Situation. Wie ist es möglich, die Frage der Macht richtig zu beantworten und trotzdem die Menschlichkeit nicht zu verlieren? Dieses große Thema beschäftigt mich an den 'Tagen der Commune' besonders. Außerdem geht es mir natürlich darum, historisches Wissen und Geschichtsbewußtsein zu fördern."

Sie haben einmal hervorgehoben, Giorgio Strehler, letztlich bestehe der Sinn aller Theaterarbeit darin, die Welt zu verändern. Zu diesem Ziel müssen die Theaterleute mit dem Publikum zusammenarbeiten. Könnte man diesen Grundsatz als Ihr künstlerisches Credo nehmen?

"Natürlich. Wir versuchen immer, uns und das Publikum zu verändern. Um ein neues Theater zu machen, bedienen wir uns der dialektischen Methode. Und mit diesem neuen Theater wollen wir helfen, eine neue Gesellschaft zu erreichen. Brecht ist für mich ein wirklicher Lehrer. Ich habe von ihm nicht nur künstlerische Techniken und Methoden übernommen. Er hat mir eine Weltanschauung gegeben! Durch ihn habe ich die Bedeutung der Kunst in der Gesellschaft verstanden. Brecht hat mir ein Fenster in die Welt geöffnet."

(Februar 1968/ August 1975)

Aus: Dieter Kranz, Positionen, Gespräche mit Regisseuren des europäischen Theaters, Henschelverlag Kunst und gesellschaft, DDR-Berlin, 1981, S.24.

Kommentar: Nun muß man natürlich feststellen, daß sich die Gesellschaft, von der Strehler hier spricht, seitdem gewaltig verändert hat. Verändert zum Nachteil der Mehrheit. Doch immerhin: Brecht verstand es, mit seinem Theater, nicht nur die Zuschaukunst zu entwickeln, sondern er veränderte auch die Kunst der Regieführung. Eben dazu braucht man eine Weltanschauung möglichst eine dialektisch-materialistische, also eine wissenschaftliche. Das hat Giorgio Strehler erkannt. Anders wird auch der Zuschauer nicht verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält (Goethe). Und eine Veränderung der Gesellschaft ist nur dann von Erfolg, wenn das Publikum deren innerste Zusammenhänge und Gesetze durchschaut, wenn es eingreift in den historischen Prozeß, und wenn es ebendiese Gesetze anzuwenden imstande ist...

Freitag, 23. April 2010

B r e c h t - Manifest

Die große Wahrheit unseres Zeitalters (mit deren Erkenntnis noch nicht gedient ist, ohne deren Erkenntnis aber keine andere Wahrheit von Belang gefunden werden kann) ist es, daß unser Erdteil in Barbarei versinkt, weil die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln mit Gewalt festgehalten werden. [...] wir können die Wahrheit über barbarische Zustände nicht erforschen, ohne an die zu denken, welche darunter leiden, und [...] ihnen die Wahrheit so zu reichen, daß sie eine Waffe in ihren Händen sein kann. (GA 22.1, 88f)

Riesige Krisen, in zyklischer Wiederkehr, gleichend enormen
Sichtlos tappenden Händen, greifen und drosseln den Handel,
Schüttelnd in schweigender Wut Produktionsstätte, Märkte und Heime.
Hunger von alters plagte die Welt, wenn die Kornkammer leer war,
Jetzt aber, keiner versteht es, hungern wir, wenn sie zu voll ist.
Nichts in der Speise mehr finden die Mütter, die Mäulchen zu füllen,

Und hinter Mauern, in turmhohen Speichern gehäuft, fault das Korn weg.
Irgendwo türmt sich in Ballen das Tuch, aber frierend durchzieht die
Lumpenverhüllte Familie die Wohnviertel ohne Bewohner.
Ach, der so rastlos gearbeitet, fluchend der Ausbeutung, findet
Heute schon keinen mehr, der ihn noch ausbeutet; rastlos durchquert er
Suchend nach Arbeit die Stadt. Der gigantische Bau der Gesellschaft
Teuer, mit so vieler Mühe errichtet, von vielen Geschlechtern,
Sinkt in barbarische Vorzeit zurück. Und es ist nicht der Mangel,
Der da die Schuld trägt, Überfluß ist’s, das Zuviel macht ihn wanken.

Nicht zum Wohnen bestimmt ist das Haus, das Tuch nicht zum Kleiden,
Noch ist das Brot nur zum Essen bestimmt; Gewinn soll es tragen.
Wenn das Erzeugnis jedoch nur gebraucht und nicht auch gekauft wird
Weil das Verdienst des Erzeugers zu klein ist – und macht man ihn größer
Lohnt es sich nicht mehr, das Zeug zu erzeugen – wozu dann noch Hände
Mieten? [...] nur: wo dann hin mit der Ware? Und also [...]
Alles ins Feuer geopfert, den Gott des Profits zu erweichen! [...]

Freilich ihr Gott des Profits ist mit Blindheit geschlagen. Die Opfer
Kann er nicht sehn. Er ist unwissend. Beratend die Gläubigen, murmelt
Unverständliches er. Das Gesetz der Wirtschaft enthüllt sich
Wie der Schwerkraft Gesetz, wenn über den Köpfen das Haus uns
Krachend zusammenfällt. In Panik zerhackt unsre Bourgeoisie so
Unübersehbare Haufen von Gütern und rast mit den Resten verzweifelt
Über die Erdkugel hin nach neuen, gewaltigern Märkten,
Gleichend dem Mann, der, die Pest fliehend, diese nur mitnimmt und so den
Zufluchtsort auch noch verpestet: in neuen gewaltigern Krisen
Kommt sie entgeistert zu sich. Den Millionen der Arbeiter aber,
Die sie befehligt als riesige Heere und planlos herumtreibt,
Jetzt in Schwitzbuden verpackt und dann aus den Schwitzbuden wieder
Barsch auf die eisigen Straßen wirft, dämmert die Wahrheit, sie raunen
Staunend sich’s zu, daß der Bourgeoiswelt Tage gezählt sind.
(GA 5, Das Manifest, 126-28)

Holzschnitt von Frans Masereel "Die Passion eines Menschen"

Sonntag, 30. August 2009

Ich wäre gern weise









Правда, я ещё могу заработать себе на хлеб,
Но верьте мне: это случайность. Ничто
Из того, что я делаю, не даёт мне права
Есть досыта.
Я уцелел случайно. (Если заметят мою удачу — я погиб.)

Мне говорят: — Ешь и пей! Радуйся, что у тебя есть пища!
Но как я могу есть и пить, если
Я отнимаю у голодающего то, что съедаю, если
Стакан воды, выпитый мною, нужен жаждущему?
И всё же я ем и пью.


Я бы хотел быть мудрецом.
В древних книгах написано, что такое мудрость.
Отстраняться от мирских битв и провести свой краткий век,
Не зная страха.
Обойтись без насилья.
За зло платить добром.
Не воплотить желанья свои, но о них позабыть.
Вот что считается мудрым.
На всё это я не способен.
Право, я живу в мрачные времена.

(Бертольт Брехт)








Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt,
bin ich verloren.)

Man sagt mir: Iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.


Ich wäre gern auch weise.

In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
WIRKLICH, ICH LEBE IN FINSTEREN ZEITEN!


(Ber tolt B r e c h t)

Sonntag, 9. August 2009

...........Wohin zieht ihr?

Wenn ihr erkennen würdet, wohin ihr geht
Würdet ihr haltmachen.
Wenn Ihr wissen würdet
Was mit Euch geplant ist
Würdet Ihr euch umschauen.

Wißt, daß ihr eure Lage verbessern könnt!

(Brecht)

Donnerstag, 9. Juli 2009

Eine Wissenschaft des Spaßes...

In den letzten Monaten seines Lebens - inmitten der Arbeit an der Dialektik auf dem Theater - verblüffte uns Brecht mit der Erklärung, der Schlüssel zu seinen Arbeiten sei Naivität. Das ganze Unternehmen seines Theaters sei naiv. Es erzähle mit einer Aufführung zunächst nichts weiter als eine bemerkenswerte Geschichte, eben die FABEL. Und er versuche - bei jeder neuen Inszenierung gleichsam von Null anfangend - Spielweise, Bühnenbau, überhaupt die ganze Ästhetik eben für diese bestimmte Fabel zu finden. Gehen die meisten Theater von der Philosophie, von Stil, von Aussagen aus - was eben unnaiv ist -, springe das bei uns sozusagen mit ab, wenn wir zum Vergnügen unserer Zuschauer unsere bemerkenswerte Geschichte erzählen. Auch wie wir die Geschichte erzählen, sei naiv. Wir versuchten nicht, durch unglaubliche Raffinesse dem Publikum zu suggerieren, es wohne den Ereignissen selbst bei, so daß es über der Erzählung den Erzähler vergesse. Wie ein Witzerzähler, der sich selbst kräftig bemerkbar macht, gingen wir mit dem Publikum die naive Abmachung ein, daß wir es sind, die eine bestimmte Geschichte einstudiert haben, die wir nun vortragen, ohne dabei mit unserer eigenen Meinung hinter dem Berg zu halten. Wenn es den Vortrag unterstützen sollte, werden wir ihn sogar unterbrechen, um - wie ein guter Erzähler - etwas zu erklären...

Wahrscheinlich habe er bei der wissenschaftlichen Beschreibung seiner Arbeitsweise - einer Wissenschaft des Spaßes - zu viel Spaß an der Wissenschaft gehabt. Es sie nunmehr an der Zeit, den Spaß selbst zu beschreiben.

Manfred Wekwerth, Notate - Über die Arbeit des Berliner Ensembles 1956 bis 1966, edition suhrkamp 1967, S. 15f.

Mittwoch, 15. April 2009

Wer die Wahrheit eine Lüge nennt...

MUCIUS: Herr Galilei, ich...
GALILEI: Sagen Sie nichts von Schwierigkeiten! Ich habe mich von der Pest nicht abhalten lassen, meine Notierungen fortzusetzen.
MUCIUS: Herr Galilei, die Pest ist nicht das schlimmste.
GALILEI: Ich sage Ihnen: Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher! Gehen Sie hinaus aus meinem Haus!
MUCIUS tonlos: Sie haben recht.

BERTOLT B R E C H T - Leben des G a l i l e i

Samstag, 7. März 2009

...die Besiegten



Immer doch
Schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten,
Dem Erschlagenen entstellt
Der Schläger die Züge. Aus der Welt
Geht der Schwächere, und zurück bleibt
Die Lüge.

Bertolt B r e c h t, Stücke, Band 7, Berlin und Weimar 1964, S. 261

Mittwoch, 26. November 2008

Was sind Notate?

Notate enthalten flüchtige Beobachtungen während der Proben, Formulierungen der Fabel, Bezeichnungen der Drehpunkte der Fabel, gesehene Schönheiten im Spiel, Schwierigkeiten, die nicht sofort geklärt werden können, Kritiken, Kurzanalysen zur Selbstverständigung, Vorschläge an die Schauspieler, episierte Dialoge, Brückentexte, aber auch theoretische Fragemente, offene Fragen der Spielweise, Thesen usw. Kurz Notate sind Hilfsmittel, das Theater des wissenschaftlichen Zeitalters so zu betreiben, daß vor allem seine tägliche Praxis Teil jenes Vergnügens ist, das man gemeinhin Veränderung der Welt nennt.

Manfred W e k w e r t h - Notate, Über die Arbeit des Berliner Ensembles (1967)

(Das galt zu jener Zeit für die Theater in der DDR, insbesondere unter B r e c h t . Heute haben wir andere Verhältnisse. Doch auch hier empfiehlt es sich, gute Gedanken nicht entschwinden zu lassen...)

Gegenlied von der Freundlichkeit

Soll das heißen, daß wir uns bescheiden
Und "so ist es und so bleibt es" sagen sollen?
Und, die Becher sehend, lieber Dürste leiden
Nach den leeren greifen sollen, nicht den vollen?
Soll das heißen, daß wir draußen bleiben
Ungeladen in der Kälte sitzen müssen
Weil da große Herrn geruhn, uns vorzuschreiben
Was da zukommt uns an Leiden und Genüssen?
Besser scheint's uns doch, aufzubegehren
Und auf keine kleinste Freude zu verzichten
Und die Leidensstifter kräftig abzuwehren
Und die Welt uns endlich häuslich einzurichten!

Bertolt B r e c h t: Gegenlied von derFreundlichkeit

Foto: privates Wohnhaus des aserbaidshanischen Kriegsministers

Mittwoch, 10. September 2008

Gegen die Objektiven









Wenn die Bekämpfer des Unrechts
Ihre verwundeten Gesichter zeigen
ist die Ungeduld derer, die in Sicherheit waren
Groß.

Warum beschwert ihr euch, fragen sie,
Ihr habt das Unrecht bekämpft! Jetzt
Hat es euch besiegt: schweigt also!

Wer kämpft, sagen sie, muß verlieren können.
Wer Streit sucht, begibt sich in Gefahr.
Wer mit Gewalt vorgeht,
Darf die Gewalt nicht beschuldigen.

Ach, Freunde, die ihr gesichert seid,
Warum so feindlich? Sind wir
Eure Feinde, die wir Feinde des Unrechts sind?
Wenn die Kämpfer gegen das Unrecht besiegt sind,
Hat das Unrecht doch nicht recht!!

Unsere Niederlagen nämlich
Beweisen nichts, als daß wir zu
Wenige sind
Die gegen die Gemeinheit kämpfen.
Und von den Zuschauern erwarten wir,
Daß sie wenigstens beschämt sind.

Bertolt Brecht

Dienstag, 10. Juni 2008

Brecht und das Theater heute

Ich meine, daß die Bewahrung der Brechtschen Arbeitsweise sehr wichtig ist. Wie hat er das Publikum damals erreicht? Wie ist er in die Betriebe gegangen, um in den Leuten eine Zuschaukunst zu entwickeln? Wie betrachtete er die aktivierende Rolle der Theaterbewegung? Wie baute er ein Stück dramaturgisch auf? Wie gestaltete er den "Arturo Ui" völlig anders als "Furcht und Elend des Dritten Reiches"? Daß man an zwei verschiedenen Abenden zwei grundsätzlich andere Aspekte des Faschismus sehen konnte - woraus sich die erste, die volle, die größere Wahrheit ergab? Das, meine ich, muß weitergeführt werden, weil es eine wissenschaftliche, dialektische, künstlerische Methode ist und weil es noch keine bessere gibt, mit der man interessanteres, lebendigeres Theater machen könnte. (Wekwerth, Theater in Diskussion, Berlin, 1982, S.197)

Montag, 12. Mai 2008

Für das Einfache, das schwer zu machen ist...

Es ist ein großes allseitiges Interesse dafür vorhanden, daß nichts direkt Neues gemacht wird. Dieses Interesse herrscht auf allen Gebieten und ist dasjenige der Leute, die sich bei den alten Dingen und Verläufen wohlfühlen. Es ist verständlich, daß bei jenen, die etwas Altes nicht mehr haben wollen, die Meinung vorherrscht, ihr schlimmster Anblick seien jene, die sich wohlfühlen.

Es ist einleuchtend, daß das Befremden, das wir gegenüber dem Verhalten unserer Mitmenschen fühlen und das uns auch gegenüber unserm eigenen Verhalten so oft befällt, wenn wir Kunst machen, diese Kunst beeinflußt. Es ist nicht nur die Haltung der Tretenden, sondern auch die der Getretenen, die uns befremdet. Die Schwangere, einem lebensfeindlichen gesellschaftlichen System ausgeliefert, das sie dennoch ehern ans Gebären hält, sehen wir kämpfen um das Recht, ihre Frucht der Vernichtung, nicht dem Leben zu übergeben. Den arbeitenden Menschen sehen wir jenen Machapparat füttern und vervollständigen, der ihn niederhält. Die Intelligenz sehen wir ihr Wissen und ihr Gewissen verkaufen. Uns selber, die Künstler, sehen wir die faulenden Wände von Schiffen übermalen, die schon untergehen. Was wäre natürlicher, als daß wir Mittel und Wege suchten, solches Befremden zu einem allgemeinen und überwältigenden zu machen? (Brecht, Schriften - Über Theater, Berlin, 1977, S.51,222)