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Dienstag, 10. April 2012

Über künstlerische und andere Freiheiten....

So viele reden über Freiheit …
und dabei wird der Begriff gern mißbraucht. Künstlerische Freiheit entsteht, wenn es dem Künstler gelingt, geistige Bindungen an die fortschrittlichen Kräfte in der Gesellschaft zu finden, wenn er die historische Dimension seiner Zeit begreift, wenn er Werke mit humanistischem Inhalt und menschenwürdigen Lösungen schafft. Doch auch diese Freiheit will erkämpft sein. Die finanzielle (und geistige) Abhängigkeit von möglichen Geldgebern schränkt seine Freiheit ein. Nur in der Übereinstimung mit der "organisierenden Grundidee der Geschichte" (Maxim Gorki)  und nicht außerhalb oder gegen sie kann der Künstler seine Freiheit verwirklichen. Eine illusionäre Unabhängigkeit und Bindungslosigkeit des Künstlers gegenüber den Realitäten seiner Zeit und gegenüber ihren progressiven Elementen führt zu seiner Isolierung und Vereinsamung. Was daraus entsteht, ist niemals Kunst, sondern allenfalls ein elitärer Zeitvertreib, ist niemals Kreativität, sondern lediglich weltfremde Phantastik. So hat auch der Künstler seine Verantwortung. Erinnern wir uns nur an PICASSO und seine mutige Stellungnahme gegen die Zerstörung der Stadt Guernica durch die deutschen Faschisten!

"Die Bevölkerung dieses Deutschlands liebt die Freiheit wohl nicht mehr oder weniger als die Menschen anderer Länder – und anderer Zeiten. Und auch wir Kulturschaffenden brauchen Freiräume für unsere Arbeit so dringlich, wie wir uns freie Menschen wünschen als Genießende unserer künstlerischen Werke. Wir stellen aber fest, daß es auch Freiheitsprediger gibt, mit deren Zielen wir uns nicht einverstanden erklären. Daher diese Klarstellung:

Unsere Freiheit wächst, wenn unsere Arbeitsplätze nicht aus Profitgründen vernichtet werden dürfen. Eure Freiheit bedeutet, daß unsere Freiheit vor dem Betriebstor aufhört.
Unsere Freiheit wächst, wenn Eltern gut schlafen können ohne Sorge darum, ihren Kindern aus Geldmangel keine gesunde Ernährung bieten zu können. Eure Freiheit bedeutet Bildungsgutscheine für Kinder und Leistungskürzungen für Familien.
Unsere Freiheit ist auch der Traum, daß irgendwann alle Menschen auf der Welt jeden Tag satt werden. Eure Freiheit bedeutet den Raub der Bodenschätze dieser Erde und den Hungertod von täglich 30.000 Kindern.
Unsere Freiheit wächst, wenn alle Menschen ein Recht auf einen Existenz sichernden Arbeitsplatz haben. Eure Freiheit bedeutet die Terrorisierung von Armen und Arbeitslosen durch Fallmanager und Hartz IV.
Unsere Freiheit wächst, wenn Theater, Bibliotheken, Schulen und Bäder bleiben. Eure Freiheit bedeutet, daß Ihr weiterhin die Banken und Unternehmen schmiert und ihnen auf unsere Kosten uneingeschränkt die Zockerei gestattet.
Unsere Freiheit wächst, wenn Migranten mit Menschenwürde und Respekt behandelt werden. Eure Freiheit bedeutet Abschieberegeln, Integrationsprüfungen und Diskriminierung.
Unsere Freiheit wächst mit der Erfüllung des Versprechens, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht. Eure Freiheit bedeutet Kriegseinsätze der Bundeswehr mit Beteiligung an der Ermordung unschuldiger Menschen.
Unsere Freiheit wächst mit der demokratischen Mitgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Eure Freiheit ist der Abbau von Bürgerrechten und Polizeigewalt.
Unsere Freiheit wächst, wenn das sofortige Verbot der NPD und aller neonazistischen Organisationen durchgesetzt ist. Eure Freiheit bedeutet die Bespitzelung von Demokraten und Nazigegnern.
Unsere Freiheit wächst, wenn wir keine Angst vor existentieller Unsicherheit im Alter haben müssen. Eure Freiheit bedeutet die Abschaffung der Rente und des Sozialstaats.

So viele Freiheiten … Eure wollen wir nicht." 
(Soweit ein Aufruf der Kulturinitiative)

Über 1700 Künstler und Kulturschaffende, andere Persönlichkeiten und Organisationen haben seit Sommer 2009 den bundesweiten Aufruf www.unruhestiften.de unterzeichnet. Es ist ein Aufruf gegen rechts, gegen die Abwälzung der Krisenfolgen und für die Umverteilung von oben nach unten, gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung – und für die Förderung der kulturellen Vielfalt. 

"Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen." (Lenin,Werke, Bd.38, S.153)

Dienstag, 18. Oktober 2011

Quo vadis „Clown“ ?

Ein Ausblick auf das ENDE der Clownerie.

Wie in diesem Bild zu sehen ist, befindet sich die „Clownerie“ (oder was man dafür halten mag!) in einer Phase des Niedergangs. Sie ist nicht mehr die unbeschwerte, geistreiche und dabei vergnügliche Unterhaltung wie in ihren besseren Zeiten, und erst recht nicht mehr der ironische oder gar satirische Ausdruck eines irgendwie gearteten, kritischen Zeitgeistes. Kinder haben meist ein sehr sicheres Gefühl für Gut und Böse. Hier ist es so: Der „Clown“ mutiert zum Kinderschreck und die Komödie flacht ab zum inhaltsleeren Geplänkel. Nicht einmal die Kunst vermag mehr eine Vision davon zu vermitteln, wie künftige Generationen miteinander umgehen sollten. Es herrscht Verwirrung. Nicht nur das ist unerträglich! Und es ist so, wie Abraham Lincoln schon sagte:

„Man kann alle Menschen für einige Zeit zum Narren halten und einige Menschen für alle Zeit, aber man kann niemals alle Menschen für alle Zeit zum Narren halten.“ 

Das allerdings ist keinesfalls die „Schuld“ der Narren selber, sondern vielmehr das Ergebnis einer durch und durch morbiden Gesellschaft. Was auch heißt: Nicht nur Politiker, Ökonomen, Psychologen, Moderatoren und andere selbsternannte Experten sind mit ihrem „Latein“ am Ende, sondern auch Künstler, Maler, Theatermacher und – horrible dictu! – Clowns. Wo in aller Welt gibt es noch gute Clowns? Und wo in aller Welt gibt es noch Menschen, denen man das glauben kann, was sie tun? Das Gedächtnis der Menschheit für Lösungen schwindet dahin, und ein Gefühl von Machtlosigkeit breitet sich aus. Sinnvolles Handeln setzt Erkenntnisse voraus. Und die Erkenntnis fällt eben nicht NICHT vom Himmel. Oder sagen wir es einmal anders: Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.(MARX) Es ist die erlebte Wirklichkeit, die das Denken prägt. Erst dann setzt das bewußte Handeln ein. Allein die Musiker werden wohl alle Zeiten überdauern...

Montag, 11. Juli 2011

Der Fotograf Andrej Pawlytschew

Ja, das waren noch Zeiten, als die Fotografie darin bestand, ein "durch Licht erzeugtes Bild mit Hilfe einer Kamera auf einer lichtempfindlichen Schicht chemisch festzuhalten und sichtbar zu machen". Das waren Zeiten, als die lichtempfindliche Schicht noch aus einer Gelatine bestand, in der winzig kleine Silber-bromidkristalle gleichmäßig verteilt waren, welche dann in einem chemischen Prozeß auf einem speziellen Fotopapier verewigt wurden, um sie der Nachwelt zu überliefern. Eine Digitalkamera speichert heute mehrere Tausend Fotos auf einem winzigen Chip, was aber das einzelne Bild durchaus nicht wertlos macht. Im Gegenteil. Die Kunst der Fotografie besteht heute vor allem darin, das Wesentliche sichtbar zu machen, sei es in Farbe, Form oder Gestalt. Und das Bild zwingt den Betrachter, innezuhalten und darüber nachzudenken. Und wenn von Tausend Bildern eines nur gelungen ist, so sagt dieses eine eigentlich viel mehr aus, als man mit Worten ausdrücken kann.  
Andrej Pawlytschew ist ein solcher Fotograf, dem es gelingt, sehr bemerkenswerte Momente, amüsante Details und beinahe schon symbolische Konstellationen einzufangen. Fast verträumt beobachtet er den Schatten eines Geländers, eine verbogene Dachrinne oder zwei spielende Kinder, immer jedoch hat er einen fast pathetischen Blick für das Unwiederholbare, das Seltsame, das Schöne. Und das spiegelt sich auch in den Farben seiner Bilder wider, die nicht selten bis ins Bizarre überhöht sind.
Wenn Andrej Landschaften fotografiert, oder wenn Menschen auf seinen Bildern zu sehen sind, immer scheint der Fotograf den Moment für die Ewigkeit festhalten zu wollen.  Die Aufnahmen strahlen eine Ruhe aus, die fast schon wieder beunruhigend ist. Es sind Bilder von einer unbestimmten Sehnsucht, die alles andere als nostalgisch ist; Andrej ist Realist und er hat (ähnlich wie ein Clown) einen fotografischen Instinkt für das scheinbar Nebensächliche, was nun doch auch wieder so bedeutsam erscheint. Die Komik einer Situation werden wir im Bild jedoch vergeblich suchen.

Als 2010 in Tjumen das Festival "Сны Улиц" stattfand, wich Andrej uns kaum von der Seite. Durch den LCD-Monitor seiner Kamera beobachtete er jede Bewegung, jeden interessanten Ablauf des Geschehens. Vielleicht war der Inhalt der Inszenierung auch nicht immer von Bedeutung, Andrej jedenfalls hatte stets seine eigene Interpretation...
Man mag darüber nachdenken, ob hier die Geister über die Clownerie gesiegt haben, oder ob die weisende Hand wie selbstverständlich auf das Naheliegende deutet, was oft so schwer zu erkennen ist. Die gesichtslose Maske mit dem farblosen Gewand scheint beschützend den Arm um den Clown gelegt zu haben, sein erschreckter Gesichtsausdruck deutet aber auf etwas ganz anderes hin. Der Fotograf läßt hier die Frage offen...

Mittwoch, 20. April 2011

Der Zirkus im Wandel der Zeit

Kürzlich erschien in der Zeitung ein Artikel über den eskalierenden Konkurrenzkampf zweier konkurrierender Zirkusfamilien. Das ist ein bedauerlicher Vorfall, zumal es gerade in diesem Beruf auf Hilfe und Verläßlichkeit, auf Kameradschaft und artistische Fairness ankommt.


Soviel ich weiß, ist in den letzten Jahren nicht mehr viel über die gegenseitige Hilfe und kameradschaftliche Zusammenarbeit geschrieben worden, wie sie beispielsweise für den Sowjetischen Staatszirkus, charakteristisch waren. Ältere Artisten, die das noch miterlebt haben, können sehr wohl davon berichten. Da gab es zwar auch mal diesen oder jenen kleinen Streit, aber es gab einfach keine derartig eskalierenden Auseinandersetzungen, wie sie heute unter konkurrierenden Zirkusunternehmen üblich sind. Und dabei ist eine solche Entwicklung für heutige Verhältnisse ganz und gar zwangsläufig. 

"Der Artist", so schreibt Mario Turra, "der bis dato – vergleichbar mit einem Familienhandwerksbetrieb – mit Frau und Kindern in einer klapprigen Marignotte durch die Lande zog, um als Seiltänzergesellschaft – vielleicht noch mit ein oder zwei von ihm ausgebeuteten Eleven sein armseliges Leben zu fristen, wird nun durch durch freie Marktwirtschaft gezwungen, in größeren Gruppen aufzutreten. Er muß gegenüber dem Theater konkurrenzfähig werden, das bereits einige Zeit vorher denselben Schritt getan hatte. Der frühere Prinzipal wird zum Direktor, der sich mit der Zeit  alle Eigenschaften eines kapitalistischen Industrie-Unternehmers aneignet.  
  Ohne diesem Zirkusdirektor nun alle künstlerischen Amitionen abstreiten zu wollen, ist dessen Ziel jedoch, möglichst viel zu verdienen, um seinen Zirkus konkurrenzfähig erhalten zu können, damit er sich und seine Familie gut ernähren und auch noch einen 'Notgroschen' fürs Alter zurücklegen kann. Er braucht also das gutsituierte Bürgertum, das ihm die Kassen füllt. Aber er weist auch den Pfennig des Proleten nicht zurück, denn 'Kleinvieh macht auch Mist'. Das weiß er noch aus der Zeit, in der er mit dem Teller sammeln ging." ¹

Die Gründe für diese gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sich kürzlich in Regensburg ereigneten, sind also – und das sei hier zur Ehrenrettung dieses Berufs gesagt – keineswegs in der "Gewaltbereitschaft" der Artisten zu suchen. Sie liegen vielmehr in den sich verschlechternden  Verwertungsbedingungen der artistischen Berufe. Soviel künstlerisches Geschick, und soviel Sensibilität auch erforderlich sein mögen – eine Zusammenarbeit im Sinne kameradschaftlicher Arbeitsbedingungen kann und wird es nur geben, wenn die Menschlichkeit über den privaten Egoismus siegt. Vorerst jedoch ist den Beteiligten zu raten, sich nicht gegenseitig zu bekriegen, sondern gemeinsam etwas gegen die Ursachen dieses Zustandes zu unternehmen, und – wie der Clown sagt: 

EIN  LÄCHELN  HILFT  (nicht)  IMMER !

¹ Mario Turra, Das Lachen des Clowns, Henschelverlag, Berlin, 1972, S.43

Donnerstag, 14. April 2011

Der Clown und sein Publikum

Clown Gerrit in Neuruppin
Es gibt kaum eine Verbindung zwischen Menschen, die unkomplizierter, unmittelbarer und freundlicher wirkt, als ein Lächeln. Der professionelle Clown ist ein Meister dieses Fachs. Er ist ein Brückenbauer.  Mit der Sprache der Pantomime  bringt er Menschen miteinander in Kontakt. Ein Blickkontakt, ein Wink, und eine Lächeln huscht über's Gesicht wer könnte dem widerstehen...

Der Clown geht auf das Publikum zu, ob alt oder jung er bezieht die Menschen ein in sein wortloses Spiel. Mit seinem großen Koffer ist Clown Gerrit nicht zu übersehen. Er trägt ihn mit Leichtigkeit. Mühelos schlüpft er in verschiedne Rollen den Spaziergänger, den Zahnarzt, den Kellner und den Beamten, den Lehrer oder den Touristen.  (...)  Und es sind nicht nur die großen, weltbewegenden Dinge, welche Menschen miteinander verbinden oft sind es auch schon kleine Gesten. Es ist die Achtsamkeit, die Hilfe und die Freundlichkeit, um Vorurteile und Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen und eben jene Brücken zu bauen, über die man sicher gehen kann.

Dienstag, 12. April 2011

Die Erinnerungen eines Clowns

Nicht selten haben Clowns etwas aufgeschrieben über ihre Erlebnisse, Erfahrungen, über ihre Sicht auf die Dinge dieser Welt. Die Erinnerungen eines Clowns sind immer von besonderem Interesse, einmal weil der Clown auf seine Weise eine bestimmte Lebensphilosophie verkörpert, zum anderen weil das Publikum gerne wissen möchte, wer hinter dieser Maske steckt: Ist er ein lebenslustiger, ist er ein trauriger Mensch? Woher nimmt er seinen Humor? Oder ist er doch eine Art  Lebenskünstler? 

Was ist der Clown für ein Mensch?

Sicher gibt es heute eine Unmenge falscher Vorstellungen über diesen Beruf, es gibt Klischees, die niemals zutreffen, die sich aber dennoch hartnäckig halten. Und es gibt Verzerrungen und Abarten, die dem Image des Clowns alles andere als zuträglich sind. Man könnte den Clown aufgrund seiner gespielten Naivität für naiv, für einfältig halten. Doch das ist glaube ich eine Unterschätzung. Das Staunen des Clowns vermag scheinbar Selbstverständliches in Zweifel zu ziehen, es hinterfragt  und stellt einige "unumstößliche Gewißheiten" erneut auf den Prüfstand der Vernunft  Ist der Clown nun ein "Querdenker", der abweicht vom "Mainstream"? Nun der Clown wundert sich, und er provoziert damit Heiterkeit. Das so erzeugte Lachen ist gewissermaßen ein Abschied von den falschen Verhaltensweisen der Vergangenheit.  Ganz ähnlich geht es mit der Parodie. Das Schöne daran ist sie ist sehr leicht verständlich. Man lacht und nimmt nicht übel. Also muß der Clown wohl klüger sein, als er sich gibt? Zweifellos! Die Satire bietet viele Möglichkeiten der Erkenntnis. So ist der Clown ein Kritiker, einer, der sich selbst nicht so ernst nimmt, der seine Fehler korrigiert, oder auch nicht. Doch das Publikum versteht es und lacht darüber. Der Clown selbst ist eine Kunstfigur. Doch ohne den Menschen, der dahinter steckt, der seine Lebensfreude und seinen Spaß in diesen Beruf mit einbringt, wäre Clownerie nicht denkbar und wohl auch nicht machbar. 
 
Über eine Abart des Komischen

Eine etwas andere Art von Komik ist die, welche Unaufrichtigkeit und Falschheit ins Lächerliche zieht. Eine solche Rolle ist wohl eher dem Hofnarren zugedacht, der eine gewisse Freiheit besaß, seiner Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten. Nicht selten haben kluge Despoten sich Narren zum Berater auserkoren. Der Narr lacht über etwas, was eigentlich abgeschafft werden sollte, und er erntet – ob seiner Ehrlichkeit dafür mitunter sogar die Zustimmung des Hofstaats. Da wird belächelt statt verurteilt, verharmlost statt bekämpft. Und die Sache ist vergessen! Diese Art von Komik ist recht weit verbreitet, denn sie lenkt ab vom Wesentlichen, spielt Gefahren herunter und führt das Publikum in die verkehrte Richtung. Sie führt zum Spaß, anstatt zur Einsicht. So kann der Hofnarr über eigentlich verwerfliche Zustände und über unmenschliche Verhaltensweisen locker herziehen und das Publikum zum Lachen bringen. Er spielt eine etwas zwiespältige Rolle, fürwahr! Hält er jedoch die Obrigkeit zum Narren, verliert er seinen Kopf. Von nicht weniger unguter Art ist auch das Lachen über menschliche Gebrechen. Beides hat mit Clownerie nicht viel zu tun. 

Der Schatten des Clowns

Doch was wäre ein Clown ohne einen Partner. In der Nachbemerkung zum Buch von Max Embden "Im Schatten eines Clowns" schreibt Gisela Winkler:

Erinnerungen eines langjährigen Partners des großen Clowns Grock sind in doppelter Hinsicht reizvoll: Sie ver­mitteln in Anekdoten und gedanklicher Auseinandersetzung ein Bild dieses Künstlers und einen Eindruck von der Zu­sammenarbeit mit ihm. Aber ein zweiter Aspekt erwächst aus dem Vergleich mit Grocks Memoiren, die er in mehreren Fassungen veröffentlichte (1930 unter dem Titel »Grock, ich lebe gern!«, 1951 »Ein Leben als Clown« und 1956 »Nit mö-ö-ö-glich«). In diesen Memoiren geht Grock kaum einmal auf das Problem der Partnerschaft ein, er erwähnt höchstens einmal, wenn er den Partner gewechselt hat. Aus seiner Sicht ist nur die Brauchbarkeit des Mitspielers interessant, dessen eigene Entwicklung scheint für Grock unwichtig. Diese gewisse Ichbezogenheit äußert sich auch in vielen Wider­sprüchen zwischen seinen Memoiren und den Erinnerungen Max Van Embdens.¹

Mit dieser Thematik befaßt sich auch Adam Kuckoff ² in seinem im Jahre 1931 erschienenen Buch "Scherry". Und er kommt dabei zu dem Ergebnis, daß eine gleichberechtigte schöpferische Zusammenarbeit der beiden Künstler nicht möglich sei. Kuckoff ging es dabei weniger um den realen Bezug zu Clown Grock, als vielmehr um die Stellung und die Schaffensproblematik des Clowns an sich unter den Bedingungen der spätbürgerlichen Gesellschaft. So gab Scherry schließlich seine Arbeit auf und zog sich von der Bühne zurück. Eine Konsequenz, die eindeutig den Arbeitsbedingungen und den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet ist...

Quellenangabe:
¹ Gisela Winkler, Nachbemerkung, in: Max von Emden, 
   Im Schatten eines Clowns, Henschelverlag Berlin, S.106.
³ Gisela Winkler, a.a.O., S. 107.

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Eine hervorragende Biographie stellt das Buch von Oliver M.Meyer dar. Es heißt "Grock seltsamer als die Wahrheit" und ist im Buchhandel zum Preis von CHF 92,00 erhältlich. Aber auch bei mir.

Preis: 58,- €

Schriftliche Bestellungen unter:

Gerrit Junghans
Am Mühl 2
07381 Pößneck 
oder: clowngerrit (at) aol.com

Dienstag, 22. Februar 2011

Ansichten über Leben und Sterben

Das Lachen ist im Grunde immer ein Ausdruck der inneren Lebensfreude. Es gehört zum Leben wie die Traurigkeit, wie auch das Weinen. Ohne diese Lebensfreude, ohne Humor fällt das Lachen eben schwer. Aber auch das Leben. Mitunter werden Clowns vor eigenwillige Herausforderungen gestellt, die aber sehr wohl auch mit der Lebenseinstellung zu tun haben, die eine eigene, möglicherweise auch eine ganz ungewöhnliche  Sichtweise herausfordern. Bekanntlich stehen die sogenannten Klinikclowns vor der schwierigen aber doch selbstgewählten Aufgabe, schwerkranke Kinder in Krankenhäusern zu betreuen. Das trifft in ähnlicher Weise auch zu für Clowns, die Patienten am Krankenbett u.a. in Onkologiestationen oder Hospizhäusern besuchen. Eine Aufgabe, die sehr viel Feingefühl erfordert. Sie erfordert Achtsamkeit im Umgang mit anderen.

Ist es nun gewagt, als Clown auch über das Sterben nachzudenken? Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, bei einem Hospizverein einen Vortrag zu halten zum Thema "Sterben und Humor". Hier sind sie nun...

 Meine Ansichten eines Clowns

Über Leben und Sterben

Beides sind zwei Seiten des menschlichen Daseins, und sie sind allgegenwärtig. Auch wenn letzteres uns nur selten oder in außergewöhnlichen Situationen zu Bewußtsein dringt: Wenn ein Mensch stirbt, so vollendet sich sein Leben. Das ist oft genug schmerzlich für ihn und seine Angehörigen, für seine Freunde und Bekannten. Denn nicht selten bleiben unerfüllte Wünsche und Hoffnungen zurück, die der Betreffende nicht mehr realisieren konnte. Doch finden auch sie auf irgendeine Weise ihre Fortsetzung – das Leben, sein Werk und sein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit setzt sich fort. Und was uns bleibt, sind die Erinnerungen an sein Wirken, sein Nachlaß und sein Vermächtnis, welches zu erfüllen und einzulösen uns aufgetragen ist.

Spinoza sagte einst: „Der freie Mensch denkt über nichts weniger als über den Tod, und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben.“

Als Clown habe ich den Anspruch, Lebensfreude und Humor zu vermitteln – kurz: das Publikum auf sinnvolle Weise zum Lachen zu bringen. Daß natürlich auch Sterbende auf irgendeine Weise noch mit dem Humor des Lebens verbunden sind, beweist die verantwortungsvolle Arbeit der Klinikclowns auf Kinderkrebsstationen. Und eines ist klar: das betrifft bei weitem nicht nur Kinder, sondern mehr noch die Erwachsenen; es betrifft nicht nur die Sterbenden, sondern nachhaltig vor allem auch deren Angehörige, Eltern und Geschwister, welche natürlich unter dem Dahinscheiden eines geliebten Menschen leiden. So ist in der Tat das Leben die entscheidende Seite jener Medaille, und es hat wenig Zweck, über Versäumtes nachzudenken, wenn man daraus nicht die Konsequenz zöge, es selbst fortan besser zu machen als vielleicht jener, dem diese Chance nicht mehr vergönnt war. Die Nähe des Todes ist so immer auch Anlaß zum Nachdenken über den eigentlichen Sinn des Lebens, den Sinn des eigenen Lebens, selbst wenn für viele Menschen die Gewißheit, einmal sterben zu müssen, fernab und unvorstellbar ist.

So bliebe zu fragen, welche Art von Heiterkeit denn nun angebracht wäre, angesichts des bevorstehenden oder eingetretenen Todes einer nahestehenden Person. Ist sie es überhaupt oder soll man sich ganz der Trauer über den unersetzlichen Verlust hingeben? Mir scheint, Weisheit ist es wohl nicht, den Tod eines Menschen in eine eigene Endzeitstimmung umzumünzen und so den eigenen Schmerz in einen noch allgemeineren Weltschmerz zu steigern, da das die Not eher noch vergrößert. 

Was aber nun ist die Philosophie des Clowns?

Das „Lachen unter Tränen“ bleibt dem Bajazzo vorbehalten, der nur schwer seine wesenhafte innere Traurigkeit zu verbergen vermag. Der Clown hingegen lacht aus Freude, er lacht über seine eigene Ungeschicklichkeit oder über die anderer, er lacht über unerwartete, überraschende Einsichten, und – er bringt vor allem andere zum Lachen. Daß dies einer tiefen Lebensfreude entspringt, ist nur zu logisch, denn Pessimismus oder gar eine fatalistische Einstellung entzögen ihn sehr bald der Gunst seines Publikums.  (G.J.)


Literaturempfehlung:
Kay Blumenthal-Barby, Wenn ein Mensch stirbt, Ausgewählte Aspekte perimortaler Medizin, VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin (DDR), 1986

Donnerstag, 10. Februar 2011

...das Ende der Kultur

Wo auf der einen Seite des Globus innerhalb von kürzester Zeit gigantische Bauwerke entstehen, die wie Pilze nach einem warmen Regenguß aus dem Boden schießen, wo ganze Städte aus dem Nichts emporwachsen, da verfallen auf der anderen Seite unserer einst so schönen Erde ganze Landstriche, Häuser und Dörfer. Übrig bleibt der Restmüll einer ganzen Generation. Es ist ein unglaublicher Verschleiß an menschlicher Leistung, an genialer Schöpferkraft, angetrieben durch die immense Zauberkraft des modernen Kapitalismus. Genutzt, verbraucht, verworfen! Alles dient nur dem Profit, es zählt nur der Gebrauchswert falls das nicht mehr genügt, dann sorgt sich keiner um den Rest. Sei es wie es ist – nach uns die Sintflut!

Und so zeigt sich auch im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", auf der anderen Seite des großen Teichs, der zunehmende Verfall kultureller Werte was auch immer man darunter verstehen mag. All das, was einst durch Vergnügungen, mit Bars und Music Halls, mit Shopping Malls und durch "Gemuetlichkeit"  belebt war, das steht nur leer. Die hohlen Augen der Fenster glotzen ins Nichts, der Wind pfeift durch die zerbrochenen Fensterscheiben und wirbelt ein paar Fetzen einer übriggebliebenen Gardine umher.

Das ist der Lauf der Zeit, das war's mit der gepriesenen westlichen Kultur unserer "westlichen Wertegemeinschaft"  ...oder wie man es auch nennen will. Es sind dies Bilder aus Detroit, einer US-amerikanischen Metropole, welche dereinst bekannt war durch ihre Massenproduktion an Kraftfahrzeugen –  heute eine verlassene, eine  sterbende, eine gestorbene Stadt. Dem spätbürgerlichen Showbusiness, das noch gebunden war an eine florierende Industrie (die ihre Lebenskraft mitunter sogar  zu einem Drittel aus der Rüstungsproduktion bezog), an belebte Straßen und beleuchtete Fassaden,  an bewohnte Siedlungen, Hochhäuser, Büros und Bankgebäude,  fehlt nunmehr  jegliches Publikum, jegliches Leben. Bibliotheken stehen leer, selbst die Bücher finden keine Leser,  Wohnungen keine Bewohner, Klaviere keine Pianisten, die Bordells keine Mädchen und die Bars keine zahlenden Trinker mehr. Sogar die Clownerie befindet sich in einer sichtbaren Krise. Was Fast-Food-Ketten derweil noch an "künstlerischem" Niveau aufzubieten haben, gerät mehr und mehr zum langweiligen Geplänkel. Überflüssig – wie eben auch jene bis zum Überdruß abgenuddelten Weihnachtslieder in einem Einkaufszentrum zur Winterzeit. Der Überfluß an Waren ist nicht mehr aufzuhalten, die Kaufkraft sinkt, die Ratlosigkeit in den "Führungsetagen" wächst, es folgt die allgemeine Krisenstimmung, worüber auch die wohlwollenden Berichte der Zeitungen nicht hinwegtäuschen können: Die "Tafeln" werden immer länger, die Löhne immer kürzer, und der Bourgeois wird immer fetter. Der Rest hofft auf seine baldige Pensionierung. Was also tun, sprach Zeus?

Mit einem dümmlichen Grinsen schiebt sich die rothaarige Fratze eines Clownsgesichts durch den Türspalt, eine Stimme flötet: "Hallohoo –  Hallöööchen!". Und man ahnt, daß dieser Typ in einer guten Stunde seine miefigen Socken im Sessel vor dem Fernseher ausziehen, und wenig später rülpsend sein lauwarmes Bier hinunterkippen wird. Ob das nun die Erfüllung eines Lebens ist? Man weiß es nicht. Vielleicht denkt dieser bedauernswerte Kerl darüber selber nicht mal nach.

Doch – wie dem auch sei der Zirkus zieht weiter, und auch der Clown muß sich entscheiden: zieht er nun mit, oder bleibt er da. Während sich die Clownerie  derweil noch mit billigen Späßen über menschliche Unzulänglichkeiten und körperliche Gebrechen über Wasser hält, die Artistik das gaffende Publikum mit waghalsigen Tricks ins Schaudern versetzt, und die unsägliche, groß aufgezogene Fernseh-Show mit viel Pomp und Rührseligkeit ein verblödetes Publikum auf die bezahlten Plätze im Parkett verweist, wo man recht nett zu lächeln und brav zu applaudieren hat. Während Schönheit zum Kitsch, und Komik zum Ulk verkommt, und das allgemeine Bildungsniveau in den künstlerischen Berufen ins Bodenlose sinkt,  spürt man nachgerade diesen Hauch von Vergänglichkeit. Und wer ein wenig mehr an Phantasie besitzt, oder wer eben an ein "DANACH" zu glauben imstande ist, der wird sich ganz eilig verabschieden von diesem dekadenten Treiben und alles tun, um ihm sein mögliches Ende zu erleichtern. (G.J.)

Dienstag, 4. Januar 2011

Giorgio Strehler – Brecht hat mir ein Fenster zur Welt geöffnet!

In einem Interview über seine Theaterarbeit mit Brecht wurde Giorgio Strehler einmal gefragt, was das Interessanteste an Brechts Stück "Tage der Commune" sei. Worauf Strehler antwortete:

"Mich interessiert folgender Aspekt: Das Volk wird duch seine Güte und Freundlichkeit leicht zum Spielball der Mächtigen. Die einfachen Leute sind zu harmlos, um zu verstehen, daß die anderen immer 'mitspielen'. Das ist eine große Lehre für uns in unserer heutigen Situation. Wie ist es möglich, die Frage der Macht richtig zu beantworten und trotzdem die Menschlichkeit nicht zu verlieren? Dieses große Thema beschäftigt mich an den 'Tagen der Commune' besonders. Außerdem geht es mir natürlich darum, historisches Wissen und Geschichtsbewußtsein zu fördern."

Sie haben einmal hervorgehoben, Giorgio Strehler, letztlich bestehe der Sinn aller Theaterarbeit darin, die Welt zu verändern. Zu diesem Ziel müssen die Theaterleute mit dem Publikum zusammenarbeiten. Könnte man diesen Grundsatz als Ihr künstlerisches Credo nehmen?

"Natürlich. Wir versuchen immer, uns und das Publikum zu verändern. Um ein neues Theater zu machen, bedienen wir uns der dialektischen Methode. Und mit diesem neuen Theater wollen wir helfen, eine neue Gesellschaft zu erreichen. Brecht ist für mich ein wirklicher Lehrer. Ich habe von ihm nicht nur künstlerische Techniken und Methoden übernommen. Er hat mir eine Weltanschauung gegeben! Durch ihn habe ich die Bedeutung der Kunst in der Gesellschaft verstanden. Brecht hat mir ein Fenster in die Welt geöffnet."

(Februar 1968/ August 1975)

Aus: Dieter Kranz, Positionen, Gespräche mit Regisseuren des europäischen Theaters, Henschelverlag Kunst und gesellschaft, DDR-Berlin, 1981, S.24.

Kommentar: Nun muß man natürlich feststellen, daß sich die Gesellschaft, von der Strehler hier spricht, seitdem gewaltig verändert hat. Verändert zum Nachteil der Mehrheit. Doch immerhin: Brecht verstand es, mit seinem Theater, nicht nur die Zuschaukunst zu entwickeln, sondern er veränderte auch die Kunst der Regieführung. Eben dazu braucht man eine Weltanschauung möglichst eine dialektisch-materialistische, also eine wissenschaftliche. Das hat Giorgio Strehler erkannt. Anders wird auch der Zuschauer nicht verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält (Goethe). Und eine Veränderung der Gesellschaft ist nur dann von Erfolg, wenn das Publikum deren innerste Zusammenhänge und Gesetze durchschaut, wenn es eingreift in den historischen Prozeß, und wenn es ebendiese Gesetze anzuwenden imstande ist...

Montag, 18. Oktober 2010

ERKLÄRUNG

zu meinem Eintrag im Blog http://clownerlebnisse.blogspot.com
vom 16. Dezember 2009
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ERKLÄRUNG

Heute erhielt ich von einem Anwalt der Rechtsnachfolgerin des berühmten Künstlers KARL VALENTIN eine Abmahnung wg. einer "Urheberrechtsverletzung", in welcher erstgenannter mich unter Androhung einer sehr hohen Strafe dazu aufforderte, eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abzugeben. Aus diesem Grunde habe ich den am 16. Dezember 2009 von mir auszugsweise zitierten Text dieses hochverehrten Künstlers ersatzlos gelöscht, und ich werde auch zukünftig keinerlei Texte von Karl Valentin mehr zitieren oder erwähnen.

Clown Gerrit
Gerrit Junghans

Pößneck, den 15. 10. 2010
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Sonntag, 7. Februar 2010

"Körpersprache" - eine Kunst?

Eigentlich ist dieser Begriff "Körpersprache" sachlich nicht richtig, denn es handelt sich dabei nicht um eine Sprache im herkömmlichen Sinne. Dennoch ist die nonverbale Form der Kommunikation - und das ist hier gemeint! - mitunter ausdrucksstärker und aufschlußreicher für die Beurteilung einer Beziehung, als es die Sprache ist. Denn sie ist sofort sichtbar, sie beeinflußt unmittelbar das folgende Gespräch und legt die Beziehungen der Akteure zueinander fest.

Die devote Körperhaltung der Person rechts im Bild gegenüber der vergleichsweise unbefangen lächelnden Person links läßt sofort erkennen, welche Rolle beiden in der Hierarchie des Gespräches zugedacht ist. Nicht immer ist der Ausdruck derart eindeutig. Und die Haltung der Akteure ist nur bis zu einem gewissen Grade "spielbar". Das heißt, die jeweiligen Absichten bestimmen das Verhalten der Personen zueinander; sie definieren den Charakter und den Gestus der Figuren auf der "Bühne des Lebens". Also: Amboß oder Hammer sein ...

Da es in der Realität aber weniger um ein Spiel, als um tatsächlich vorhandene Beziehungen geht, ist auch das "therapeutische" Einüben von Verhaltensweisen zum Zwecke der Erhöhung des Selbstbewußtseins wenig sinnvoll. Das Bewußtsein ist immer nur ein bewußtes Sein. Und nur eine Verbesserung der eigenen fachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Stabilisierung der eigenen Position, vermag die gelegentlich oder immer wieder aufkommenden Zweifel an der eigenen Kompetenz allmählich zu beseitigen. Erfolgserlebnisse machen eben sicherer! Somit ist die "Körpersprache" weniger eine Kunst, als die Fähigkeit zu diszipliniertem und bewußtem Handeln auf der Basis guter Vorbereitung, steter Übung - und vor allem mit Überzeugung und Begeisterung für das (jeweils) angestrebte Ziel. (G.J.)

Samstag, 28. November 2009

Die Kunst der Kommunikation

"Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist." *
(Johann Wolfgang Goethe)

Recht hat er - der alte Goethe. Doch wenn es bei Kommunikation nur um "Wahrheit oder Irrtum" ginge, wäre das nicht weiter schlimm. Denn der Irrtum läßt sich im Laufe der Zeit, mit fortschreitender Erkenntnis korrigieren, wobei die Wahrheit allmählich zutage tritt. Irrtümer sind allenfalls auf Sinnestäuschungen oder auf Denkfehler zurückzuführen; ihre Korrektur erfolgt durch die Praxis und auf der Basis gesicherter Erkenntnisse. Schlimmer ist es dagegen mit der Lüge. Daß mit Lüge und Betrug heute recht einträgliche Geschäfte zu machen sind, lag wohl auch außerhalb der Vorstellung des Herrn Geheimrats.

In der zwischenmenschlichen Kommunikation muß man den Irrtum sehr deutlich von der Lüge unterscheiden. Eine Lüge besteht darin, daß jemand eine Aussage als "wahr" behauptet, von der er aber überzeugt ist, daß diese Aussage falsch ist. Da aber der Lügner
unter allen Umständen vermeiden will, daß die Wahrheit ans Licht kommt, wird es mit zunehmender Weiterverbreitung der Information immer schwieriger, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Zumal sich die Lüge nicht als solche zu erkennen gibt. Darin liegt auch das Dilemma der Kommunikation.

Ständig empfängt der Mensch
neue Informationen. Er ist somit bei der Fülle seiner Wahrnehmungen ständig gezwungen, diejenigen auszuwählen, die seinen Bedürfnissen und Interessen am ehesten entsprechen und die er auch imstande ist, zu verarbeiten. So hat man beispielsweise festgestellt, daß eine Wochentagsausgabe der New York Times mehr Informationen enthält, als einem gewöhnlichen Engländer des 17. Jahrhundert in seinem ganzen Leben zur Verfügung standen. Doch was davon ist nun wichtig und was ist unwichtig? - und schließlich: Was ist wahr, und was ist falsch? Um auf diese Fragen eine einigermaßen klare Antwort geben zu können, ist es erforderlich, die theoretischen Grundlagen zu betrachten.

Was ist eigentlich Kommunikation?

Zunächst ist Kommunikation - allgemein gesagt - der durch den Austausch von Informationen vermittelte Zusammenhang zwischen dynamischen Systemen. Dieser Austausch funktioniert nur dann, wenn es einen gemeinsamen Zeichenvorrat gibt, über den sich der Sender (S1) und der Empfänger (S2) miteinander verständigen.

Die zwischenmenschliche Kommunikation ist eine spezifische Form dieses Informationsaustauschs, die sich notwendigerweise daraus ergibt, daß die Menschen viele Dinge nicht allein bewerkstelligen können, d.h. sie ergibt sich zwangsläufig aus der gemeinsamen Produktion, aus dem Zusammenwirken der Menschen. Die Kommunikation hat also einen ganz praktischen Grund.

Im Verlaufe des Informationsprozesses gewinnt nun der Empfänger der Information (S2) eine Erkenntnis, die er in der Praxis auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen kann, und welche ihn zu einer bestimmten Reaktion, zu einem bestimmten Verhalten veranlaßt. Dabei gilt es festzustellen, ob und inwieweit die gesammelten, gespeicherten und verallgemeinerten Informationen mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmen oder nicht. Denn natürlich schließt das durch viele einzelne Informationen beim Empfänger entstandene Abbild der Wirklichkeit stets auch Irrtümer und falsche Denkweisen mit ein. Doch nur die richtige, eine adäquate Widerspiegelung der objektiven Realität, und erst die Kenntnis der Gesetze der Natur und der Gesellschaft ermöglichen dem Menschen ein sinnvolles, zielgerichtetes und erfolgreiches Handeln. Hat der Mensch seine Lage einmal erkannt, wie soll er aufzuhalten sein...

Worin besteht nun die Kunst der zwischenmenschlichen Kommunikation?

Die Kunst der Kommunikation besteht genau darin, die richtigen Informationen auszuwählen und sie so zu vermitteln, daß auf der Grundlage einer gemeinsamen Sprache (eines "gemeinsamen Zeichenvorrates") eine Informations-übertragung, und beim Empfänger (S2) ein Erkenntnisgewinn möglich sind. Das setzt freilich auch eine gewisse Lernbereitschaft und die aktive Mitwirkung des Empfängers voraus. Die entscheidende Rolle spielt dabei jedoch die Persönlichkeit des Senders (S1). Nicht nur seine Überzeugungskraft, sein rhetorisches Talent und seine Begeisterung sind hier von besonderem Gewicht, sondern auch seine Integrität, seine Aufrichtigkeit und seine moralische Grundüberzeugung. Nicht immer ist das leicht zu erkennen, denn es geht dabei nicht nur um die Vermittlung von Bildung und Wissen, sondern vor allem um den Einfluß auf Entscheidungen und somit auf das Handeln der Informationsempfänger. Wozu läßt sich das Publikum bewegen - sind es eigene Wünsche, Träume oder Ziele, die geweckt werden, oder ist es gar die Angst von drohenden Nachteilen? Auch der Einfluß von Kunst und Literatur, sowie die Einwirkung der Massenmedien ist nicht zu unterschätzen! Sie beeinflussen die Gefühlswelt, und sie können sich motivierend und mobilisierend auf das Bewußtsein auswirken. Je besser es gelingt, Gemeinsamkeiten von Sender und Empfänger zu entdecken, zu thematisieren, zu erweitern, und sie bestenfalls um einige neue Erkenntnisse zu bereichern, desto größer ist der Grad der Beeinflußung. Wer Informationen übermittelt, hat freilich auch die Möglichkeit, Meinungen zu manipulieren. Das darf man nicht vergessen! So setzt der Mensch sich erfolgreich mit seiner Umwelt auseinander, indem er die Voraussetzungen, seine eigenen Möglichkeiten, den voraussichtlichen Ablauf und die Konsequenzen seines Tuns überprüft, durchdenkt und schließlich danach handelt. Gedankenloses oder nicht genügend durchdachtes Handeln bringt Mißerfolge mit sich. Dabei lernt er schließlich, Wahres von Falschem zu unterscheiden: In der Praxis zeigt sich, was am Ende richtig war.

Und wie ist das mit der Wahrheit?

Wie schon Goethe richtig feststellte, muß man "das Wahre immer wiederholen". Hier hat die Wiederholung einen erzieherischen Zweck: Auch wenn die Tatsachen noch so verfälscht werden, wenn Manipulationen und Täuschungen mitunter nahezu erdrückende Ausmaße anzunehmen scheinen, wird sich die Wahrheit im Laufe der Zeit allmählich durchsetzen. Und es ist - nebenbei bemerkt - schon eine etwas seltsame Moralvorstellung, wenn beispielsweise die Verbreitung von Falschaussagen zum Zwecke des Machterhalts oder die Fälschung von Werbeaussagen zum Zwecke der Umsatzsteigerung in der bürgerlichen Öffentlichkeit als Kavalierdelikt behandelt werden, um recht schnell wieder in Vergessenheit zu geraten, so daß ein Unrechtsbewußtsein über die wissentliche Irreführung gar nicht erst aufkommt. Von einer potentiellen Übereinstimmung der objektiven Realitäten mit der proklamierten öffentlichen Meinung kann also vorerst keineswegs die Rede sein. Die jeweiligen Meinungen sind allenfalls eine billige Massenware - eben gebraucht und schon verschlissen.

Schließlich ist es eine philosophische Frage, ob es in den menschlichen Vorstellungen einen Inhalt geben kann, der vom Subjekt unabhängig ist, der also weder vom Menschen noch von der Menschheit abhängt, und wenn ja, ob es in der menschlichen Vorstellung möglich ist, diese objektive Wahrheit auf einmal, vollständig, unbedingt, absolut, oder eben nur annähernd, relativ auszudrücken.** Letzteres führt uns zu der Relativität jeglicher Erkenntnis - damit muß man rechnen. Wer jedoch die Objektivität des Erkenntnisprozesses bezweifelt, der gesellt sich ganz unbestritten auf die Seite jener Traumtänzer, denen eine Veränderung der Welt allein durch eine Änderung ihrer Gedanken möglich erscheint. Es ist klar, daß auch eine solche Denkweise ihre sozialen Wurzeln hat, und nur denen recht sein kann, die an einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse im Grunde genommen nicht interessiert sind, da sie keinesfalls bereit sind, ihre eigene Behaglichkeit dafür aufzugeben...

(G.J.)

* J.P.Eckermann, Gespräche mit Goethe, Max Hesse's Verlag Leipzig, o.D. (1902), S.240.
** vgl. W.I.Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Berlin 1973, Werke Bd.14, S.116.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

100 Millionen Bücher

Nach Schätzungen landeten zwischen 1990 und 2000 in der Bundesrepublik Deutschland rund 100 Millionen in DDR-Verlagen gedruckter Bücher auf der Müllhalde.

Schon 1960 gab es im "Leseland DDR" rund 18 000 staatliche Allgemein- und Gewerkschaftsbibliotheken – mit einem Buchbestand von 18 Millionen Büchern und mit 50 Millionen Entleihungen jährlich. (Bis 1986 hat sich die Zahl der Entleihungen sogar mehr als verdoppelt!) Die Ausleihe war generell kostenlos; Bücher waren im Vergleich zur damaligen Bundesrepublik spottbillig. Ferner existierten 33 wissenschaftliche Bibliotheken. 80 Verlage stellten in der DDR Bücher her. So wurden in den Jahren von 1949-89 rund 350 000 Titel verlegt. Nach dem Anschluß an die BRD wurden die Bestände der großen Bibliotheken in den ehemaligen Bezirks- und Kreisstädten "bereinigt". Unzählige kleine Büchereien in Gemeinden, FDGB-Ferienheimen, Altersheimen, Betrieben und Einrichtungen wurden liquidiert.
Die vorhandenen Bücherbestände wurden "entsorgt" und verschwanden in Mülltonnen und Containern, landeten auf Müllhalden oder sie kamen zum Altpapier und wurden geschreddert. Darunter waren auch massenweise Bücher folgender Autoren:

Heinrich Heine, Thomas Mann, Carl von Ossietzky, Bertolt Brecht, Ernest Hemingway, George Grosz, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Pablo Neruda, Egon Erwin Kisch, Lion Feuchtwanger, Martin Andersen Nexö, Anton Makarenko, Ingmar Bergmann, Arkadi Gaidar, Nikolai Ostrowski, PeterHacks, Johannes R.Becher, Ludwig Renn, Erik Neutsch, Bruno Apitz, Kurt Barthel, Herrmann Kant, Dieter Noll, Stefan Hermlin...

Doch es gab auch andere Beispiele. Allein der Schauspieler Peter Sodann rettete als Intendant des "Neuen Theaters" in Halle/Sa. über eine Millionen Bücher (Peter-Sodann-Bibliothek Staucha) seiner Heimatstadt vor der Müllhalde. Der evangelische Theologe Peter Franz sammelte in seinem Haus in Taubach bei Weimar etwa 7 500 Bücher, die dort auch kostenlos ausgeliehen werden können. (G.J.)

Und noch etwas: am 21.09.1990 schrieb "Die Zeit"unter der Schlagzeile "Bücher vereinigt euch!" zu diesem unvergleichlichen Vorgang der Büchervernichtung: "Na endlich. Auf der ersten Seite fast aller Zeitungen dürfen wir lesen: 'Guter Gipfel beim Kanzler.' Helmut Kohl versichert, 'daß alle Ansprüche, rund hundert Millionen, erfüllt werden'. Schließlich wolle er nicht als 'Totengräber' der Kultur in die Geschichte eingehen."
Wußten Sie schon, daß die BRD ein Kulturstaat ist?

P.S. in der DDR (1986) gab es 14 384 Staatliche Allgemeinbibliotheken mit 46,6 Millionern Büchern, außerdem 3 884 Gewerkschaftsbibliotheken mit 5,4 Millionen Büchern. Zum Vergleich: heute gibt es im "Land der Dichter und Denker" (BRD) lediglich 8 393 Öffentliche Bibliotheken. (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009)

Dienstag, 6. Oktober 2009

...antiautoritär?

In seinem Vorwort zu dem von A.S.Neill verfaßten Erziehungsschmöker über die sogenannte antiautoritäre Erziehung schreibt Erich Fromm: "Unser Wirtschaftssystem braucht Menschen, die seinen Geboten gehorchen, Menschen, die widerspruchslos mitmachen, Menschen, die immer mehr konsumieren wollen. Es muß sich Menschen schaffen, deren Geschmack genormt ist, die sich leicht beeinflussen lassen, deren Bedürfnisse im voraus berechnet werden können. Unser System braucht Menschen, die glauben, sie seien frei und unabhängig, aber alles tun, was man von ihnen erwartet, Menschen, die sich der Gesellschaftsmaschinerie reibungslos einfügen..."* Und daher bedient sich man sich eines Tricks. Man sagt: "Nicht wahr, das möchtest du doch bestimmt auch gerne tun?", was allemal netter erscheint, als dem Unterworfenen gegenüber zu offenen Zwangsmaßnahmen greifen zu müssen.

Daß dieser "Kunstgriff" auf einem Betrug beruht, gibt Fromm sogar zu: "Der Mensch unserer Zeit muß also, wenn er sich anpassen will, die Illusion nähren, alles geschehe mit seiner Einwilligung, obwohl diese in Wirklichkeit durch geschickte Manipulation erzwungen wird. Man erhält seine Einwilligung sozusagen hinter seinem Rücken oder hinter seinem Bewußtsein."*

Was dann allerdings von diesem "Pädagogen" Neill bis Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts angeboten und praktiziert wurde, war alles andere als Erziehung - wie hätte es das auch sein können? -, es war eine unsinnige, verlogene und scheinanarchistische Modeerscheinung, das Ergebnis einer jahrzehntelangen Werbekampagne dieses "glänzenden Publizisten" (wie A.Kühn ihn nennt) - es war die Irreführung ganzer Generationen junger Menschen im Sinne seiner "Reformpädagogik" zum Zwecke ihrer Unterordnung unter die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Neill hat seine "Erfahrungen" aus seiner "Musterschule" in Summerhill, die von Kindern zahlungskräftiger Eltern besucht wurde, in zahlreichen Publikationen und auf Vortragsreisen propagiert. Er besaß sogar noch die Frechheit, darüber zu schreiben: "Wir hatten mehrere Jungen und Mädchen, die mit 14 noch nicht lesen konnten. Ich weiß nicht, was daran schuld war" (Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Reinbek bei Hamburg, 1971, S.56). Die Nachwirkungen dieser Theorie sind heute noch spürbar.

Untersucht man indessen die ökonomischen und die sozialen Strukturen unserer Gesellschaft, so finden wir immer wieder die Tendenz zu gemeinsamen Aktionen oft auch sehr unterschiedlicher Menschen (die allerdings aus deren gemeinsamem Interesse entspringt). Eine solche Organisation ohne Autorität ist schlechterdings unmöglich.
(G.J.)

* beide Zitate: A.S.Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung, Reinbek bei Hamburg, 1969, Vorwort, S.11.

Montag, 5. Oktober 2009

Gedanken über das Lachen

Sehr oft gibt es in der heutigen Unterhaltungsindustrie sogenannte "Comedy"-Szenen, bei denen die Zuschauer lachen. Mitunter wird sogar im Hintergrund eines Films oder einer Aufzeichnung Gelächter eingeblendet, um so den Anschein zu erwecken, daß diese Szene komisch sei. Doch nichts liegt ferner als das. Es wird hier eine Einmütigkeit suggeriert, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Mit Komik und Humor hat das alles nicht viel zu tun. Diese Art von Unterhaltung ist im Grunde wertlos, auch wenn das Publikum sich amüsiert. Darüber mokierte sich schon Hegel, als er schrieb: "...einem solchen Volke ist nicht zu helfen; es löst sich in seiner Torheit auf."

Ein dummes Lachen
Wenn über Unsinniges und Albernes gelacht wird, so ist das meist ein recht einfältiges Lachen. Allein der Widerspruch zur Realität ist ja noch nicht komisch. Selbst dummes, falsches oder unmoralisches Verhalten ist für sich genommen noch nichts Komisches. Oft wird auch Lächerliches und Komisches miteinander verwechselt. Und leicht gleitet das Einfache und elementar Komische in die Banalität ab. Hier zitieren wir wiederum Hegel: "Überhaupt läßt sich nichts Entgegengesetzteres auffinden, als die Dinge, worüber die Menschen lachen. Das Plattste und Abgeschmackteste kann sie dazu bewegen..."*

Worauf es beim Lachen ankommt
Wie läßt sich das nun erklären?
Ist es nicht gleich, worüber wir lachen? Ist dem verehrten Publikum das Lachen nicht zu gönnen? Muß denn der Spaß erst ein bestimmtes Niveau haben, um wirklich komisch zu sein? Ja, so ist es. Hämisches, zynisches oder abfälliges Lachen, ja sogar "Schadenfreude", ist eine üble Auslassung über Andere, über selbst Unbeteiligte, die oft sogar einen feindlichen Charakter trägt. Echte Heiterkeit hingegen resultiert aus der Lebensfreude. Sie setzt Gelassenheit (also Humor) voraus und erfordert das Vorhandensein eines gesellschaftlichen Ideals (nämlich der Zuversicht), und das nicht nur beim Betrachter. Nimmt man das Elementarkomische einmal heraus, welches - wie wir gesehen hatten - freilich auch Lachen hervorbringt, so ist die Reaktion auf ein Ereignis, und folglich auch das Lachen, sozial bedingt durch das Verhalten der Menschen zueinander. Es widerspiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die Menschen untereinander eingehen. Sind sie feindlich, so ist das Lachen boshaft, sind sie hingegen freundlich, so ist auch das Lachen voller Humor. Die Ansichten des Publikums über einen Vorgang sind also unmittelbar verbunden mit dem Urteil über den betreffenden Gegenstand und die jeweilige Situation. Und das Lachen hängt jeweils davon ab, in welcher Position der Zuschauer sich befindet, welches Erkenntnisniveau er besitzt, worauf er emotional reagiert und nicht zuletzt, wie er in der Lage ist, die damit verbundenen Informationen zu verarbeiten. Schließlich gilt: Je freier der Mensch in Bezug auf seine eigenen Verhältnisse, um so ungezwungener klingt auch sein Lachen.

Wem das Lachen vergeht
So wie es das dümmliche Lachen gibt, dem jede Albernheit gelegen kommt, so gibt es natürlich auch Dinge, die schon nicht mehr komisch sind, obwohl sie dem Publikum als "komische Darbietung" verkauft werden.
Ein Sarkasmus hat manchmal die Eigenschaft, daß einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Man findet solche "Späße" bald nicht mehr lustig. Ähnlich geht es dem Publikum auch bei einem Bajazzo. Dieser handelt im Grunde gegen sein eigenes inneres Empfinden. Sein Lachen ist maskenhaft und unnatürlich. Eine andere, höchst verwerfliche Darstellung finden wir auch bei den heute in minderwertigen Kriminalfilmen verwendeten Clownsmasken. Diese Zweckentfremdung einer ansonsten komischen Figur ist ein übelster, kulturfeindlicher Zynismus.

Der wahre Clown
hingegen ist das Enfant terrible der dramatischen Kunst. Er muß ein Gespür für die Komik haben. Denn er sagt, was er denkt. Und er muß das Wesentliche einer Sache erkennen. Oft wirkt der Clown dabei ein bißchen umständlich und vielleicht sogar unfreiwillig komisch. Der Clown ist humorvoll und heiter. Und oft sind es harmlose, doch ehrliche Späße, mit denen er sein Publikum zum Lachen bringt. Höchste Kunst ist es indessen, wenn es ihm gelingt, die Wirklichkeit satirisch zu entlarven. Hier beginnt der eigentliche künstlerische Schaffensprozeß: Er zeigt, was "die Welt im Innersten zusammenhält", und er zeigt, was es Komisches in der Realität gibt, um es auf seine Art zu reflektieren. So sollte ein Clown, selbst wenn er lediglich mit elementarkomischen Mitteln und Situationen arbeitet, seine künstlerischen und ästhetischen Maßstäbe sehr hoch ansetzen. Denn oft erschließt sich die Komik erst aus der konkreten Situation. Schließlich ist der Humor keine absolute Größe. Man kann ihn beim Publikum nicht immer voraussetzen, und man kann ihn auch nicht einfordern. Er hat seine historischen Wurzeln, er setzt Interessengleichheit voraus, und er verlangt zudem eine gewisse Intelligenz.

P.S. Fast hätte ich's vergessen: ein Kinderlachen ist das unschuldigste von allen. Es ist von Sorgen frei und ohne Arglist... und es ist - so wie R. Schernikau schreibt - die gelungene Erkenntnis, daß etwas nicht stimmt - die Wirklichkeit. (G.J.)


* Georg Wilhelm Hegel, Ästhetik, Bd. I, Aufbau-Verlag, Berlin - Weimar 1965, S. 552