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Donnerstag, 25. März 2010

Verwirrung...

Der für seine witzigen Einfälle bekannte Dichter und Schriftsteller sucht hier Anführer und Ausführer. Beide sind freilich nicht demokratisch dazu legitimiert. Letztere warten möglicherweise noch ihre Emanzipation ab, was allerdings den hier beanstandeten Zustand der Welt kaum verändern dürfte. So wird wohl der Fortschritt noch eine Weile auf sich warten lassen müssen...

Der Fortschritt ist keine Leiter. Es gibt immer den nächsten Schritt, aber es gibt kaum einen Grund für die Annahme, daß man, hat man ihn getan, den weiteren Ausblick genösse, geschweige den schöneren. Das Ziel ist deutlich, es heißt Emanzipation der Menschheit. Aber Errungenschaften, die sich unter entwickelten Verhältnissen vereinbaren werden, bekämpfen sich im Verlauf der Entwicklung. Weiterkommen in einer Hinsicht ist Zurückgehen in einer anderen; das Wahre ist oft häßlich, und das Gute lügt; Verlust begleitet den Gewinn. So lange die Geschichte dauert, ist der Zustand der Welt notwendigerweise unbefriedigend.

Die meisten Leute halten einen Zustand für billigenswürdig, weil er besteht. Sie beurteilen das Muster der Dinge und ändern an ihm herum, aber sie tun es nach Maßgabe seiner eigenen jeweiligen Gesetze; solches Urteilen ist Beipflichten, solches Ändern Festigen. Nur wenige haben die Gabe, die vorhandene Welt, denkend oder fühlend, mit der möglichen Welt zu vergleichen und sie in ihrer abscheulichen Unvollkommenheit zu begreifen. Ihre Kategorien sind nicht von dieser Welt; sie haben es schwer, sich wirksam oder nur verständlich zu machen. Man nennt sie Genies, und sie sind nicht überflüssig.

Zu den Genies zählen die Helden. Nicht einmal sie sind überflüssig. Es ist nicht wahr, daß die Aufgaben, die die Geschichte der Menschheit stellt, sich von allein lösen: es braucht Anführer und Ausführer. Wahr ist, daß die historischen Aufgaben ihren Löser allzeit zu finden wissen; besorgt es der nicht, besorgt es jener...

Peter H a c k s , Die Maßgaben der Kunst, S. 346

Ergo: Nur das Genie beherrscht das Chaos! Und während die Philosophen die Welt noch beobachten, anstatt sie zu verändern, gebührt der bürgerlichen Kunst das zweifelhafte Verdienst, das Chaos noch zu vermehren...

Donnerstag, 24. September 2009

Der Herbst









Es gibt nichts schöneres, als dieses Gedicht, zumal Peter Hacks ein nicht nur poetischer, sonder auch kluger und den Zeitgeist wohl erfassender Kopf war. Dieses Lied lernten wir in der Schule. Es sei hier genannt, weil gerade seine Unbeschwertheit und Fröhlichkeit dem Wesen eines Clowns entsprechen. Und so bin ich:

Der Herbst steht auf der Leiter

von Peter H a ck s

Der Herbst steht auf der Leiter
Und malt die Blätter an,
Ein lustiger Waldarbeiter,
Ein froher Malersmann.

Er kleckst und pinselt fleißig
Auf jedes Blattgewächs,
Und kommt ein ein frecher Zeisig,
Schwupp, kriegt der auch ´nen Klecks.

Die Tanne spricht zum Herbste:
Das ist ja fürchterlich,
Die anderen Bäume färbste,
Was färbste nicht mal mich?

Die Blätter flattern munter
Und finden sich so schön.
Sie werden immer bunter.
Am Ende falln sie runter.

Die Natur ist eben (fast) immer schön!!!

Sonntag, 28. Juni 2009

Soll das Theater die heutige Welt darstellen?

Man gewinnt heute leicht den Eindruck, Theater sei lediglich eine Form des mehr oder minder geistreichen Zeitvertreibs für die sich amüsierende Klasse. Was seinerzeit   insbesondere mit Brecht dieses lebendige Gemeinschaftserlebnis, welches durch keine andere Kunst zu ersetzen ist, beflügelte, war die politisch-moralische Übereinstimmung von Publikum und Theater, wie wir sie mit der sozialistisch-realistischen Gegenwartskunst der DDR kennengelernt haben. Dort entfaltete das Theater seine höchste geistige Produktivität und erwies sich als unersetzbare Anregung für den gesellschaftlichen Fortschritt. Gerade dem widmete sich wenn auch zuweilen in recht verklausulierter Form der Dramatiker Peter Hacks. "Inhalte", schrieb er, "sind wichtig in dem Grad, in dem sie wichtige Haltungen ermöglichen". Und Haltungen sind gerade das, worüber das Theater heute am wenigsten räsoniert. Theater bleibt blaß und ist allenfalls vergnüglich, bestenfalls vielleicht satirisch wobei letzteres wohl eher auf das Kabarett zutrifft...

Wenn es wahr ist, daß die Kunst eine Form des Verkehrs von Menschen untereinander ist, so will das Drama nicht auf Informationen über die Welt, sondern auf Informationen über die HALTUNG des Autors zur Welt hinaus. Haltungen kann man nicht erläutern; Haltungen nimmt man ein.

 

Einem peinlichen Mißverständnis unterliegen Schriftsteller, die hoffen, irgendwen interessierten ihre vorgetragenen Ansichten. Nichts interessiert außer der Art, in welcher der Autor die Wirklichkeit praktisch bewältigt. Des Autors Praxis ist die Darstellung der Wirklichkeit. Somit folgt aus der Voraussetzung, daß Darstellung der Welt nicht Zweck des Dramas sei, der Schluß, daß das Drama notwendig die Welt darstellen müsse.

Die Überlegung scheint auf den Standpunkt, den sie verlassen will, zurückgekehrt; in Wahrheit ist sie schon über ihn hinaus. Denn die Unterscheidung, daß Darstellung der Welt nicht Zweck des Dramas, sondern ein unentbehrliches Mittel ist, ist keine Spitzfindigkeit. Sie führt zu Konsequenzen von enormer praktischer Bedeutung. Nämlich so sicher der Dramatiker verpflichtet ist, die Welt darzustellen, so sicher ist, daß nichts ihn verpflichtet, die gesamte Welt darzustellen.

Inhalte sind wichtig in dem Grad, in dem sie wichtige Haltungen ermöglichen. Ihre Auswahl erfolgt nach künstlerischen Gesichtspunkten, nicht nach anderen.
Was für ein Leben eine Hauptsache ist, kann für die Kunst gar keine Sache sein. Welcher Grund wäre seit siebzig Jahren erkennenswerter als die Struktur einer kapitalistischen Krise? Und doch ist dieselbe für die Kunst müßig und wenig ergiebig...

Peter Hacks, Die Maßgaben der Kunst, Berlin 1978, S. 95.

Mittwoch, 15. April 2009

Ob er fleißig sei?

Soweit ich sehe, sind alle Künstler fleißig und in dieser Hinsicht ein Vorbild für die restliche Menschheit. Welcher Berufsstand sonst hätte habituell an sich, bis zur Selbstvernichtung an einem Erzeugnis zu arbeiten, von dem er weiß, daß es benötigt wird, und von dem er Grund hat anzunehmen, daß niemand vorhat, es zu bezahlen? Die Künstler wissen stets, was die Zeiten, aber nie, was die Zeitungen von ihnen verlangen; um so mehr verdient sie sind, desto weniger sind sie verdienend; sie unterwerfen sich dem gesellschaftlichen Auftrag, ohne viel zu fragen, ob die Gesellschaft ein Lohnbureau für derartige Sachen eingerichtet hat. Ihre einzige Tugend ist ihre Arbeit. Wie jene hat diese den Lohn in sich; übrigens billige ich dieses Verhalten nicht ohne Einschränkung. Ein Künstler, denke ich, sollte für sich zu sorgen wissen. Wer würde einen Arbeiter loben, der seine Maschine nicht pflegt?
(Peter H a c k s , Die Maßgaben der Kunst, Berlin 1978, S.175)

Nun haben wir sie ja oft die Frage: Was macht eigentlich ein Künstler den lieben langen Tag? Gerade auch ein Schriftsteller, der die Früchte seiner Arbeit erst dann erntet, wenn der Leser sie in Form eines Buches in den Händen hält, weiß sehr wohl, daß es im künstlerischen Schaffensprozeß auch Zeiten geben muß, die dem eigenen Wohlergehen geschuldet sind, als daß sie denn mit steter, unerbittlicher und fleißiger Arbeit zu tun haben. Ohne letztere gäbe es freilich die ersteren nicht; doch ohne jenes kreative "Nichtstun" wäre wohl auch kaum all das entstanden, was wir als große Werke der Weltliteratur bezeichnen...

Donnerstag, 22. Mai 2008

Kunst ist Schrott

Bekanntlich hat die Verwandlung in eine Ware der Kunst nicht nur geschadet. Die Verwandlung der Güter überhaupt in Waren war ja ein entscheidender historischer Fortschritt; sie erst brachte den riesigen industriellen Reichtum hervor...

Heute kann von Kunst nichts Besseres gesagt werden als von anderen Waren auch. Sie ist unverwendbarer, manipulierter Schrott.

...Wenn ich mich berechtigt fühlen darf, ihnen einen Rat zu erteilen, wäre es der, sich über den Gebrauchswert der monopolkapitalistischen Ordnung ein paar unfreundliche Gedanken zu machen. (Peter Hacks, Die Maßgaben der Kunst, Berlin 1978, S.171f.)

Sonntag, 4. November 2007

Über Theater

"Ich glaube, daß es außer zu Neros Zeiten nie einen solchen Tiefstand des Theaters gegeben hat. Sehen Sie, das Theater ist eine sehr alte Kunst; es gab das antike Theater, das griechische, das athenische Theater. Dann hörte das auf und dann gab es 1000 Jahre lang, es gab bis zu Shakespeare, bis zum Jahre 1500, gar kein Theater. Und der Tiefstand dieser theaterlosen Zeit war sicher die römische Kaiserzeit. Seit Shakespeare hatten wir nicht einen solchen Tiefstand von Theater wie im gegenwärtigen Jahrzehnt. Wo es keine Schauspielkunst, keine Regiekunst, keine Ausstattungskunst und auch keine Dramen, keine dramatische Kunst gibt. Da gibt es einige verdächtige Jahrzehnte im 19.Jahrhundert, so Mitte des 19.Jahrhunderts, wo auch vieles im Argen war, aber es läßt sich nicht vergleichen mit dem, wohin man es zur Zeit gebracht hat."
(PETER H A C K S )