Dienstag, 18. November 2008

"Прощание" - Слава Полунин



"Прощание" - "Abschied" (Slawa Polunin).
Слава Полунин наверное лучший клоун мира. Мы с ним дружились уже в марте 1985 в Ленинградe. В то время он был руководителем известного театра пантомимы "Линцедей"...

Freitag, 14. November 2008

Tucholsky : "Dämmerung"

Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes. Die Leute gehen täglich ihren Geschäften nach, machen Verordnungen und durchbrechen sie, halten Feste ab und tanzen, heiraten und lesen Bücher-: aber es ist alles nicht wahr.

Was man so gemeinhin Kunst und Kultur nennt: sie sind nicht möglich ohne gemeinsame Vorausetzungen. Die sind nicht mehr da. Die Grundfesten wanken. (...) Es ist durchaus nicht allen gemeinsam und selbstverständlich, daß das Vaterland das Höchste ist, woran sich anzuschließen Pflicht und Gewinn sei - sondern das ist sehr bestritten. Es ist durchaus nicht allen gemeinsam, daß die Familie der Endpunkt der Entwicklung und etwas Selbstverständliches sei - das ist sehr bestritten. Es ist durchaus nicht selbstverständlich, daß der Kapitalismus notwendig oder gar nutzbringend sei - das ist sehr bestritten. Sie reden verschiedene Sprachen, die babylonischen Menschen, und sie verstehen einander nicht. Sie sprechen aneinander vorbei, sie haben weniger gemeinsam denn je.

Seltsam dieses Bürgertum. (Und in Deutschland sind alle Bürger.) Seltsam dieses starre Festhalten an Formen die leer sind, an Dingen, die es eigentlich nicht mehr gibt. Vorbei, vorbei - fühlt ihr das nicht?

(...) Töricht, die Zerfallsymptome zu leugnen. Eine Welt wankt, und ihr haltet an den alten Vorstellungen fest und wollt euch einreden, sie seien nötig und natürlich wie die Sonne. (...)

Spaßmacher besingen die neue und die alte Zeit; in bürgerlichen Zeitschriften untersucht einer ganz ernsthaft, ob die Exposition in dem neuen Roman des Schriftstellers W. ganz geglückt sei; Theater spielen in viele Akte zerdehnte Aphorismen, die wir ohnehin gewußt haben, Schemen wanken auf der Erde daher - und es ist alles nicht wahr. Der Sinn des Lebens ist in Frage gestellt, und ich glaube fest daran, daß diese grauenvolle Krankheit auch kräftigere Länder anfressen wird als dieses arme Deutschland. (...)

Das bürgerliche Zeitalter ist dahin. Was jetzt kommt, weiß niemand. Manche ahnen es dumpf und werden verlacht. Die Massen ahnen es dumpf, können es nicht ausdrücken und werden - noch - unterjocht. (...)

Eine Welle flutet über die Erde. Sie ist nicht rein ökonomischer Natur, es geht nicht nur ums Fressen und Saufen und Verdienen. Es handelt sich nicht nur um die Frage, wie man die wirtschaftlichen Güter der Welt verteilen wird, wer arbeiten und wer ausnutzen soll. Es geht um mehr, um alles. (...) Wohin treiben wir? Wir lenken schon lange nicht mehr, führen nicht, bestimmen nicht. Ein Lügner, wer's glaubt. Schemen und Gespenster wanken um uns herum - taste sie nicht an: sie geben nach, zerfallen, sinken um. Es dämmert, und wir wissen nicht, was das ist: eine Abenddämmerung oder eine Morgendämmerung.

Kurt Tucholsky (1920)


...und weil das so ist, deshalb brauchen wir heute mehr Psycho-Therapeuten. Und vor allem brauchen wir noch mehr echte Vorbilder, wie Herrn Abbermann, Herrn Hratz, Herrn Schrumpp oder Herrn Zumnickel. Das Leben ist schön. Es könnte schöner sein!
Foto (1) - Manhattan, Foto (2) - Pripjat, radioaktiv verseucht.

Freitag, 3. Oktober 2008

Die ungleichen Regenwürmer

Es ist gehupft, wie gesprungen. Man muß ihn lieben - den Franz Hohler nämlich...

Tief unter einem Sauerampferfeld lebten einmal zwei Regenwürmer und ernährten sich von Sauerampferwurzeln.


Eines Tages sagte der erste Regenwurm: "Wohlan, ich bin es satt, hier unten zu leben, ich will eine Reise machen und die Welt kennenlernen." Er packte sein Köfferchen und bohrte sich nach oben, und als er sah, wie die Sonne schien und der Wind über das Sauerampferfeld strich, wurde es ihm leicht ums Herz, und er schlängelte sich fröhlich zwischen den Stengeln durch. Doch er war kaum drei Fuß weit gekommen. da entdeckte ihn eine Amsel und fraß ihn auf.


Der zweite Regenwurm hingegen blieb immer in seinem Loch unter dem Boden, fraß jeden Tag seine Sauerampferwurzeln und blieb die längste Zeit am Leben.
Aber sage mir selbst - ist das ein Leben?

(Franz Hohler)

Dienstag, 30. September 2008

Friedrich Karwath: Clowns.

Immer schon litt ich darunter, wenn fehlende Komik durch Grobheiten, Fußtritte, Ohrfeigen, Dialektsprechen oder gar Besoffenheit ersetzt werden sollte. Hier war ich also voll der Meinung, daß etwas Einschneidendes geschehen muß. Man kann so herrlich komisch sein, ohne Grobheiten und Brutalitäten. Wie köstlich ist es doch immer gewesen, wenn Beppo und Klein-Otto sich in der Manaege begegneten und so stürmisch begrüßten, daß allein durch den Händedruck Klein-Otto einige Meter weit durch die Manege flog,natürlich genau auf die Füße kam und zurücklief, als sei nichts geschehen.

Daß Kritiker sich gegen die übertriebenen und unnatürlichen Masken der Auguste gewandt haben, verstehe ich, seit ich eine Studie über die sogenannten Trampauguste gesehen habe. Darin waren ungefähr 20 Masken abgebildet, die keinerlei Mimik erkennen ließen, Das waren nur grelle und unmotivierte Farbkleckse. Ich habe mir Gedanken gemacht, warum und woher solche Masken. In den amerikanischen Riesenunternehmen mit drei oder noch mehr Manegen und den Riesenentfernungen bewegen sich 20 oder 30 Auguste zur gleichen Zeit in den Manegen. Dabei kommt es gar nicht darauf an, was sie machen, sie kullern durch den Sand, treten und schubsen sich gegenseitig und haben weder Zeit noch Gelegenheit, einen Typ zu verkörpern. Es sind meist auch keine Berufsauguste, sondern zu dieser Art verpflichtete Artisten, die dies zusätzlich zu ihrer Darbietung machen müssen. Ich kenne aus meiner Kindheit sogar noch Fälle, wo man einfach Arbeitslose, die durch den Sportverband einen Handstand machen konnten, als Auguste eingesetzt hat, und deren Komik bestand natürlich nur darin, daß sie sich gegenseitig die Nase blutig schlugen, sich Fußtritte versetzten und sich im Dreck wälzten. Uns heute* unvorstellbar, die Leute haben darüber gelacht.

Also solche Masken, die das Gesicht entstellen und den Menschen unkenntlich machen, möchte ich auch nicht sehen.

*Friedrich Karwath war von 1954 an fast drei Jahrzehnte lang als Clown im Staatszirkus der DDR beschäftigt. (Auf dem Foto: Caro, Toto,Beppo und Klein-Otto)

Donnerstag, 25. September 2008

Die Entdeckung des Humors...

Unmittelbar vor dem Thron spielt man zur Kurzweil der Zarin auf Guslis, Balaikas, tanzt Volkstänze, reißt Possen, macht allerlei Späße und Scherze, singt lustige Lieder und spielt lustige Rätselspiele; alle tun, was sie können: Gaukler, Tänzer, Guslisspieler und Erzähler. Das ganze Reich ist von Gelächter erfüllt; nur seine Herrin lacht nicht, weil zum Lachen das Komische in der Wirklichkeit nicht ausreicht, weil auch noch die Fähigkeit zu seiner Wahrnehmung notwendig ist - der Humor, der Sinn für das Komische.

Im Leben gibt es nicht weniger Komisches als Schönes, Erhabenes und Tragisches. Aber der Mensch ist nicht immer fähig, es wahrzunehmen. Dafür muß man den Puls des Lebens fühlen und die Wirklichkeit mit dem ganzen Reichtum ihrer Farben betrachten und sehen können. Sogar bei dem großartigsten Humoristen, dem der Sinn für Humor von Natur gegeben ist, stützt sich der Humor auf die objektive Grundlage - die komischen Erscheinungen der Wirklichkeit selbst.

Den Menschen des Lachens zu berauben scheint eine harmlose Spielerei zu sein, ist aber tatsächlich ein boshafter Zauber, denn die Gestalt jener Märchenheldin, die das Lachen verlernt hat, ist wahrhaft tragisch. Und vielleicht ist sogar kein Zauber böser und kein Unglück bitterer als das, die "lachlose" Herrscherin eines des Komischen vollen Märchenreiches zu sein.

Nach der Vorstellung der Volkspoesie wird man tief unglücklich, wenn man das Lachen vergißt. Dies Vergessen bedeutet, in einer umgebenden Wirklichkeit wie auch in sich selbst etwas unendlich Teures zu verlieren. Es bedeutet, bestimmte teure und wichtige Eigenschaften seiner Seele zu verlieren.

Sich über das Volk erheben, sich von ihm losreißen, seine Stimme zu hören verlernen - das bedeutet gleichzeitig und in jedem Fall, die Fähigkeit der Freude am Leben zu verlieren, die Freude einzubüßen und der Kraft und ihres leiblichen Bruders - des Lachens - verlustig zu gehen. (J.Borew, Über das Komische, Berlin 1960, S.160f.)

Sonntag, 14. September 2008

Der Sinn fürs Komische

"Jeder Mensch besitzt ein gewisses Maß an Feingefühl. Selbst ein mittelmäßiger Künstler muß daher in der Lage sein, einigermaßen gut ein tragisches Chanson vorzutragen oder ein tragisch-dramatisches Geschehen überzeugend zu gestalten. Heiterkeit allerdings sowie der Sinn fürs Komische sind eine natürliche Gabe. Eine Naturgabe läßt sich nicht erlernen. Man würde nur wertvolle Zeit damit vertun. Man ist begabt, oder man ist es nicht. Der Sinne fürs Komische ist meist mit einer weiteren Gabe verknüpft - mit Gesundheit. Man wird selten nur einen Kranken finden, der einen Sinn fürs Komische besitzt. Die Natur verleiht diese Gabe nicht nur einem gesunden Körper, sondern auch einem gesunden Geist. Man kann feststellen, daß Menschen mit ausgeglichenem Charakter oft jenes heitere Gemüt besitzen, das nervösen, zänkischen oder launischen Personen versagt bleibt..." (Yvette Guilbert, Die Kunst ein Chanson zu singen, Berlin, 1981, S.90)

Mittwoch, 10. September 2008

Gegen die Objektiven









Wenn die Bekämpfer des Unrechts
Ihre verwundeten Gesichter zeigen
ist die Ungeduld derer, die in Sicherheit waren
Groß.

Warum beschwert ihr euch, fragen sie,
Ihr habt das Unrecht bekämpft! Jetzt
Hat es euch besiegt: schweigt also!

Wer kämpft, sagen sie, muß verlieren können.
Wer Streit sucht, begibt sich in Gefahr.
Wer mit Gewalt vorgeht,
Darf die Gewalt nicht beschuldigen.

Ach, Freunde, die ihr gesichert seid,
Warum so feindlich? Sind wir
Eure Feinde, die wir Feinde des Unrechts sind?
Wenn die Kämpfer gegen das Unrecht besiegt sind,
Hat das Unrecht doch nicht recht!!

Unsere Niederlagen nämlich
Beweisen nichts, als daß wir zu
Wenige sind
Die gegen die Gemeinheit kämpfen.
Und von den Zuschauern erwarten wir,
Daß sie wenigstens beschämt sind.

Bertolt Brecht

Freitag, 8. August 2008

Die Show gerettet...

Es war Sonntagabend. Vor dem Auftritt hatten wir die große Bühne am Marktplatz von Praia de Vitória noch beräumt und einen alten schwarzen Vorhang entfernt. Endlich war es 22 Uhr – schon nicht mehr ganz so heiß wie am Tage. Etwa 300-400 Besucher hatten auf den Stühlen vor der Bühne Platz genommen, einige standen. Die Internationale Clowns Show konnte beginnen. Mit viel Tempo und Charme zeigten die M-Brothers ihre Jonglage mit Bällen und Diabolos, dann kamen Clowns aus Belgien, Dänemark und England. Doch allmählich verbrauchte sich der Anfangsschwung. Drei komische Clowns schubsten auf der Bühne nur noch herum – die Show wurde schlecht. "I hate clowns" (ich hasse Clowns) - so dachte ich. Der vorletzte im Programm war ich. Nach mir kam noch ein Amerikaner mit einer musikalisch-untermalten Zirkusnummer. Doch immerhin – die Leute blieben alle auf ihren Stühlen sitzen.

Nun war ich dran - wie man so sagt - und sollte das Programm mit meiner Darbietung wenigstens ein bißchen aus dem Minus herausreißen. Allerdings hatte ich kurzfristig noch etwas geändert: meine Masken waren aus Transportgründen zu Hause geblieben. Ich kam also auf die Bühne, hatte mich – wie man das als Clown so macht – mit meiner Konzertina auf die Stuhllehne gesetzt und ein paar Töne gespielt, als aus einer Seitengasse mit lautem „Um-ta-ta“ ein Straßenorchester herangezogen kam. Der Zwischenfall erschien mir nicht ganz unwillkommen. Natürlich war an eine Fortsetzung der Vorstellung nicht mehr zu denken. Da ergriff ich kurzerhand mein „imaginäres“ Fernglas und schaute interessiert zu jener Ecke, wo die Kapelle gleich auftauchen würde. So war es dann auch. Ich winkte und hüpfte sichtbar vor Begeisterung. Die Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen und taten es mir nach. Einige stiegen ebenfalls auf ihre Stühle und guckten. Nun ging ich von der Bühne herunter und mußte herzlich lachen: „It rained in my Parade!“ (Es hat in meine Parade geregnet.) Sollen wir nun weitermachen oder nicht? Clown Bluey, der die Regie hatte, meinte: Unbedingt!

Das Blasorchester zog von dannen. Ich stieg also wieder hinauf auf die Bühne und setzte mich auf meinen Stuhl. Da geschah es: Ich hob ich den Finger an den Mund und – plötzlich war, wie durch einen Zauber, Ruhe auf dem Markt. Nun konnte ich mit neuem Schwung mein Programm ungestört zu Ende bringen. Ich bekam den meisten Applaus, und hinter der Bühne fielen die Kollegen mir begeistert um den Hals und gratulierten mir. Die Show war gerettet! (6. August 2008)